Ärzte Zeitung, 13.01.2004

"Endlich kann ich das tun, was ich wirklich will"

Theaterberuf-Ausbildung für Körperbehinderte / Pilotprojekt in der Akademie für darstellende Kunst in Ulm

Die Choreographie-Trainerin Caterina Salvadori aus Ulm feilt mit Jan Dziobek am Ausdruck. Foto: dpa

"Eins, zwei, drei, vier" - im Zähltakt ihrer Bewegungstrainerin Catharina Salvador lassen Florian Federl, Ina Koch und Ann-Kathrin Schneider ihre Köpfe kreisen. Nach vorne, zur Seite, nach hinten und wieder zur Seite. Mit konzentriertem Blick stehen sie mit ihren 20 Mitschülern aus der 1. Schauspielklasse im Unterrichtsraum.

Auch Nicole Breswald läßt ihren Kopf kreisen. Sie steht am Fenster und hält sich fest, wenn die Bewegungsübungen sie aus dem Gleichgewicht zu bringen drohen. "Gut, Nicole", ruft die Tanzlehrerin ihr zu. Die 26jährige Nicole ist Spastikerin. Daß sie als Körperbehinderte in der Akademie für darstellende Kunst gemeinsam mit Nicht-Behinderten zur Theaterpädagogin ausgebildet wird, ist europaweit einmalig.

Integrativer Studiengang für Bühnenberufe

Möglich macht dies das in diesem Herbst gestartete Pilotprojekt "Erster Integrativer Studiengang Darstellende Künste für Menschen mit Körperbehinderung". Auch Jan Dziobek nimmt daran teil. Der 35 Jahre alte Rollstuhlfahrer ist eigens für die Ausbildung zum Schauspieler aus Hamburg an das private, staatlich anerkannte Kolleg für Theaterberufe nach Ulm gekommen. Der gelernte Bürokaufmann hat bereits Theatererfahrung. Aber "daß ich endlich professionell lerne", das begeistert ihn.

Durch die Arbeit steigt auch das Selbstbewußtsein

Auch Nicole Breswald ist die Begeisterung anzumerken. "Endlich kann ich das tun, was ich wirklich will", sagt sie. Bisher hat sie als Bürokauffrau bei der Akademie gearbeitet. Kein Wunschtraum, sondern eine Vernunftsentscheidung. Weil ihr Körper nicht gesund ist, haßt sie ihn. "Mein Körper ist mein Gefängnis", sagt sie. Viele Tränen sind deswegen schon geflossen - auch in der Akademie, wo sie tagtäglich kämpft, um mit den körperlich agilen Mitschülern mitzuhalten.

Doch die Bewegungsübungen in der Schauspielklasse tun ihr gut, sie fühlt sich viel mobiler als früher. Auch ihr Selbstbewußtsein ist gestiegen. Ihr Mitschüler Florian Federl (22) weiß, was Nicole alles kann: In einer sogenannten Spiegel-Übung mußte er Nicoles Bewegungen zeitgleich durchführen. "Sie kann Bewegungen, die ich nicht kann", sagt er.

Für ihn ist Nicole keine Behinderte, sondern eine gleichwertige Partnerin, von der er noch viel lernen kann. Die drei Behinderten in der Klasse sind für alle eine Bereicherung. Verunsicherungen gibt es trotzdem: "Tut es Jan weh, wenn ich ihn anfasse?", diese Frage hatten sich zu Anfang die Nicht-Behinderten gefragt.

Die Anforderungen sind hart - egal, ob die Schüler nun körperlich eingeschränkt sind, oder nicht. Der Unterricht dauert von neun bis 18.30 Uhr, nur ein Nachmittag in der Woche ist frei. Bewegungs- und Sprachübungen sind Schwerpunkte im ersten Jahr. Die eigens für diese Kurse engagierte Heilpädagogin Sabine Larrass weiß: "Da kommt jeder an seine Grenzen."

Akademie-Leiter Ralf Rainer Reimann ist zufrieden mit dem Verlauf des Pilotprojektes. Die Integration der drei Behinderten ist für ihn bereits geglückt. Dennoch weiß er, daß er für alle 90 Schüler seines Kollegs verantwortlich ist. "Manchen ist der Rummel um die Körperbehinderten schon zu viel, die wollen arbeiten", weiß er.

Auch von außen wird auf das Ulmer Modell geschaut. "Die Theaterwelt wird uns daran messen, wie die drei körperbehinderten Schüler sich später auf dem Arbeitsmarkt schlagen." Schon deshalb legt Reimann viel Wert darauf, daß die Schauspielschüler bald Spielpraxis bekommen. Jan soll demnächst die Rolle von Richard III. spielen. Ist es nicht von Nachteil, daß die behinderten Schauspieler ihr Leben lang auf bestimme Rollen festgelegt sein werden? Reimann sieht das nicht so: "So, wie sie sind und spielen, das ist das Maß." (dpa)

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