Ärzte Zeitung, 29.01.2004

"Welcher das Podagra hot, Dem ist der wein verbotten"

Volksmedizin aus dem Spätmittelalter / 120 medizinische Handschriften an der Uni Heidelberg im Katalog erfaßt

Die Harnschau war eine wichtige diagnostische Methode im Mittelalter. Abbildungen: Universität Heidelberg

Von Ingeborg Bördlein

Ein stattlicher Anteil der weltberühmten Heidelberger Handschriftensammlung handelt nicht von der Minne, sondern gibt ganz profan darüber Auskunft, wie man der Flatulenz Herr wird, wie man bei Gicht und Hämorrhoiden behandelt und was nach einem deftigen Rausch zu tun ist.

In den deutschsprachigen Handschriften der ehemaligen "Bibliotheca Palatina", die in Heidelberg aufbewahrt werden, findet sich eine der größten Sammlungen von Rezepturen der Volksmedizin weltweit: Fast 300 Handschriften heilkundlichen Inhalts mit insgesamt 150 000 Rezepturen aus dem 14. bis zum 16. Jahrhundert beherbergt die Universitätsbibliothek in Heidelberg.

Das ganze Spektrum der Verletzungen zeigt der "Wundenmann".

Mit akribischem Fleiß und gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft haben eine Heidelberger Germanistin und ein Historiker einen Teil dieses einmaligen Fundus in jahrelanger Arbeit katalogisiert.

In diesem Jahr wird das Herzstück nun fertiggestellt: 80 000 Rezepte aus etwa 120 medizinischen Handschriften sind in einem Katalogband erfaßt und werden durch ausführliche Register erschlossen. Sie sind damit der weiteren wissenschaftlichen Aufarbeitung zugänglich.

Bekanntlich gelangte die auf Kurfürst Ottheinrich (1502 bis 1559) zurückgehende "Bibliotheca Palatina" in den Wirren des 30jährigen Krieges als Beute in den Vatikan nach Rom. Die über 800 deutschsprachigen Handschriften sind aber im Jahre 1816 auf Ochsenkarren von Rom wieder an den Neckar gebracht worden, darunter auch die heilkundlichen Schriften.

"Henck eim sein hoden in essig"

Wie die Heidelberger Handschriftenforscher Dr. Karin Zimmermann und Dr. Matthias Miller herausgefunden haben, handelt es sich dabei nicht um die wissenschaftliche universitäre Medizin, sondern vielmehr "um eine von Laien praktizierte Volksmedizin".

Die Sprache der Rezepturen mutet deftig an, und auch die verschiedenen Therapievorschläge sind ganz schön derb. Sie geben einen schillernden Einblick in das Leben am Hof der kurpfälzischen Kurfürsten im 16. Jahrhundert, wo ausschweifende Eß- und Trinkgelage abgehalten wurden.

Um gar nicht erst "druncken" zu werden, wird in den Codices Palatini germanici zum Beispiel empfohlen: "lege ein wenig saffran in eim düchlein gebunden in wein oder wasser dovon gibe eim nüchtern zu drincken, er werdt des dags nit druncken." Ist es doch passiert wird zur Ausnüchterung geraten: "Henck eim sein hoden in essig und einer frawen ire brüscht..."

Wen zum Beispiel die Hämorrhoiden "an haimlichen Ortenn" plagen, der soll "Poley oder wermuth" mit Wasser sieden und sich mit dem warmen Wasser waschen: "Das vertreibt das Jucken.." Gegen die Gicht (Podagra) werden "gestoßene Eicheln in Ochsengalle" empfohlen. Und: "Welcher daz Podagra hot, Dem ist der wein verbotten."

Die Handschriften stammen zumeist aus der kurfürstlichen Hofbibliothek. Ein eifriger Sammler war vor allem Kurfürst Ludwig V. von der Pfalz (er regierte von 1508 bis 1544), der in einem zwölfbändigen Kompendium, dem sogenannten "Buch der Medizin", etwa 16 000 Rezepte eigenhändig niedergeschrieben und somit der Nachwelt einen beträchtlichen Wissensfundus über die damalige Alltagsmedizin überliefert hat. Viele Verfasser der Rezepturen sind nicht überliefert, darunter waren wohl Ärzte und Apotheker, Bauern und Hofbedienstete.

Schröpfen, Brech- und Abführmittel zur Behandlung

Die spätmittelalterliche Volksmedizin benutzte Kräuter, wie sie auch heute noch oft in der Naturheilkunde verwendet werden. Ziel ärztlichen Handelns war es nach den Schriften, gestörte Mischungsverhältnisse der Körpersäfte durch Harnanalyse zu erkennen und ins Lot zu bringen. Behandlungsmethoden waren etwa "Schröpfen, Brech- und Abführmittel, das Fördern der Harnentleerung, des Schwitzens und des Niesens". Eingesetzt wurden mit Vorliebe antagonistisch wirkende Arzneimittel.

Geglaubt wurde an den Einfluß der Planeten auf den "Mikrokosmos Körper". Auch der Präventionsgedanke wurde schon damals gepflegt: So wird ein Gleichmaß empfohlen an Schlaf und Wachheit, an Arbeiten und Ruhe, beim Essen und Trinken, bei der Liebe und der Enthaltsamkeit, der geistigen Beanspruchung und der Muße.

Topics
Schlagworte
Panorama (30491)
Personen
Ingeborg Bördlein (216)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Pneumonien unter Benzodiazepinen

Benzodiazepine sind bei Patienten, die an Morbus Alzheimer leiden, mit einer Häufung von Lungenentzündungen assoziiert. Für Z-Substanzen gilt das womöglich nicht. mehr »

Schelte für die SPD und die Bürgerversicherung

Bei der Eröffnung des 120. Deutschen Ärztetags nahm BÄK-Präsident Montgomery die Gerechtigkeitskampagne der SPD ins Visier. Lob gab es hingegen für Gesundheitsminister Gröhe. mehr »

Psychotherapie bei Borderline nur mäßig erfolgreich

Spezifische Psychotherapien sind bei Borderline-Patienten unterm Strich zwar wirksamer als unspezifische Behandlungen: Allerdings fällt die Bilanz in kontrollierten Studien eher mager aus. mehr »