Ärzte Zeitung, 26.02.2004

Pralle Kirschen, Fischgräte und Schimmelkulturen im Zeitraffer

"Das große Fressen" / Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld über Genuß und Tod

Von Sabine Schiner

Die viel zu große Gabel hat ein Hackfleischbällchen samt Spaghetti aufgespießt, einen Raum weiter stapeln sich Kartons von Campbell’s Suppendosen, Kirschen präsentieren sich auf einer hölzernen Säule. Die Werke von Claes Oldenburg, Andy Warhol und Thomas Schütte gehören zur Ausstellung "Das große Fressen. Von Pop bis heute" in Bielefeld.

Eat-Art: Eine "1a gebratene Fischgräte" von Joseph Beuys.
Fotos (2): Kunsthalle

Man sollte die Ausstellung in der Kunsthalle mit einem Besuch der zweiten Etage beginnen. Dort feiern Pop-Art-Künstler der 60er Jahre wie James Rosenquist, Tom Wesselmann und Wayne Thiebaud den Konsum. Wesselmann präsentiert knusprige Brathähnchen auf dem Silbertablett, James Rosenquist wirbt für einen Fruchtsalat mit roten Kirschen und Wayne Thiebaud schwelgt in Tortenlandschaften. Die Museumsräume gleichen dem Schaufenster eines Tante-Emma-Ladens.

Obst auf dem Sockel: Sechs Meter hoch ist die Kirschenskulptur
von Thomas Schütte.

Die Ausstellung ist angelehnt an die Filmorgie "Das große Fressen" des Italieners Marco Ferreri aus dem Jahr 1973. Darin schlemmen sich die vier Protagonisten zu Tode. Das Herz setzt aus, die Verdauung streikt, der Körper macht nicht mehr mit. Eine Installation mit Leuchtschrift von Timm Ulrichs nimmt in der Ausstellung das Thema Sterben auf. Das Wort Death (Tod) verrwandelt sich im Sekundentakt in Eat (Essen) - ein perfekter Übergang zur Ausstellung im ersten Erdgeschoß.

Dort sind Arbeiten europäischer Künstler zu sehen. Dieter Roth, Marcel Broodthaers und Joseph Beuys zeigen die Vergänglichkeit der irdischen Genüsse. Bei Beuys trocknen Fischgräten vor sich hin, Broodthaers hat kaputte Eierschalen auf eine Leinwand geklebt und Dieter Roth ertränkt Gartenzwerge in einer braunen Schokoladenmasse. Längst ist die Schokolade ungenießbar, der Nippes verstaubt.

Im Gegensatz zur plakativen Pop-Art schlägt die europäische Kunst-Küche auf den Magen. Spätestens, wenn man vor der Arbeit "Vanitas" von Jana Sterbak steht, wird das Spiel mit der Vergänglichkeit zur schweren Kost. Die Künstlerin aus Prag hat aus rohem Fleisch ein Kleid genäht und über eine Schneiderpuppe drapiert. In der Ausstellung wird daraus nach und nach ledriges Trockenfutter.

Ein schaurig-schönes Dokument des Verfalls ist der britischen Künstlerin Sam Taylor-Wood gelungen. Sie läßt in dem Video "Still Life" ein Obst-Stilleben vergammeln. Im Drei-Minuten-Zeitraffer werden Äpfel, Birnen und Pfirsiche von Schimmel überwuchert und von Maden durchwandert, bis nur noch eine graue Masse übrig bleibt. Glücklicherweise hat diese Gammel-Kunst für die Besucher keine olfaktorischen Folgen.

Dies gilt für die bleichen Würstchen, die der Brite Damien Hirst in Kunstharz versenkt hat genauso wie für die Kunstkacke des Italieners Piero Manzoni. Er hat, glaubt man dem Text auf der Infotafel, seine Exkremente ("Merda d’artista!") in Portionen á 30 Gramm in Dosen konserviert.

"Das große Fressen", bis 24. April in der Kunsthalle Bielefeld. Geöffnet ist täglich von 11 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr, samstags von 10 bis 18 Uhr. Infos im Internet: www.kunsthalle-bielefeld.de. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen.

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