Ärzte Zeitung, 26.02.2004

260 Merkmale machen die Iris unverwechselbar

Iriserkennung soll das Reisen sicherer und schneller machen / Pilotprojekt am Frankfurter Flughafen gestartet

Am 12. Februar hat Bundesinnenminister Otto Schily ein sechsmonatiges Pilotprojekt zur automatisierten Biometrie-gestützten Grenzkontrolle (ABG) am Flughafen Frankfurt/Main gestartet. Bei diesem in Deutschland erstmals für Grenzkontrollen angewandten Verfahren des Unternehmens Bosch Sicherheitssysteme werden Reisende durch automatische Iriserkennung überprüft.

Von Gabriele Wagner

Schily sagte, daß mit ABG das Reisen nicht nur sicherer, sondern auch einfacher werde. Wie funktioniert die Iriserkennung genau? "Zunächst werden von den Teilnehmern pro Auge vier Videoaufnahmen der Iris angefertigt. Diese Videoaufzeichnungen sind völlig ungefährlich. Die Aufnahmen werden computergestützt analysiert und die Strukturen der Iris, die das für jeden Menschen einmalige, typische Irismuster bilden, in computerlesbare Daten umgewandelt."

Das sagte Heinz Werner von der Vertriebsniederlassung des Unternehmens in Frankfurt am Main, der das Projekt ABG betreut, der "Ärzte Zeitung". Strukturen, die das typische Irismuster bilden, sind etwa Pigmente, Trabekel, Krypten und die Iriskrause.

Der Bundesgrenzschutz registriert nun die umgewandelten Daten der Iris-Videoaufnahmen zusammen mit den Reisepaßdaten. Passiert ein so registrierter Reisender das nächste Mal die Grenze, wird sein Paß eingelesen. Dann wird wieder eine Aufnahme von seinen Augen gemacht. Dafür schaut der Reisende kurz in eine an der Wand installierten Kamera.

Die Aufnahme wird in computerlesbare Daten umgewandelt und diese dann mit den hinterlegten Daten verglichen. So kann festgestellt werden, ob der Mensch, der gerade in die Videokamera geschaut hat, auch derjenige ist, dem der Reisepaß gehört.

Wie sicher ist diese Iriserkennung? Dazu Werner: "Von den Irismerkmalen werden 260 zur Verifizierung herangezogen. Bei Fingerabdrücken zum Beispiel sind es nur 40 Merkmale." Da jedes Auge ein einzigartiges Irismuster hat, und da bei der Iriserkennung so viele Merkmale übereinstimmen müssen, ist eine Verwechslung ausgeschlossen. Das gilt auch für eineiige Zwillinge.

Hat die aktuelle, vom jeweiligen Licht abhängige Größe der Iris einen Einfluß auf die Erkennung? "Nein, das ist kein Problem. Wir können ja aus einem großen Pool an gespeicherten Merkmalen auswählen. Sollte zum Beispiel ein Merkmal wegen der aktuellen Iriskonfiguration nicht für einen Vergleich geeignet sein, kann ein anderes genommen werden. Insgesamt können die Eigenschaften von 260 Merkmalen ausgewertet werden," so Werner.

Und was passiert, wenn etwa bei Krankheiten Stoffwechselprodukte in die Iris eingelagert werden? "Menschen mit Morbus Wilson können nicht an der Iriserkennung teilnehmen." Die Kupferspeicher-Krankheit verändert die Iris zu stark. "Auch Menschen mit Irisanomalien, etwa mit Narben nach Unfällen, mit Iritis oder Nystagmus sind vom Verfahren ausgeschlossen," sagte Werner. Dagegen stören normale Kontaktlinsen, also solche ohne starke Färbung, und Brillen bei der Iriskontrolle nicht.

Darauf wies Werner noch hin: "Es ist nicht möglich, aus den gespeicherten Daten ein Bild der Iris zu rekonstruieren und damit dann etwa nach einem Menschen zu suchen. Das ist aus Datenschutzgründen wichtig."

Mit Iriserkennung wurde Gula auch nach 18 Jahren identifiziert

Sharbat Gula, mit zwölf (links) und mit 30 (rechts) Jahren. Daß die Frauen ein und die selbe Person sind, konnte durch die Irisanalyse belegt werden. Foto: dpa

Erinnern Sie sich noch an Sharbat Gula? Den Namen haben viele wohl vergessen, nicht aber das Gesicht der Frau. Die Geschichte, wie das ehemalige afghanische Flüchtlingsmädchen 18 Jahre nach einer ersten Fotographie gesucht, gefunden und dann unter anderem anhand eines Irisvergleiches identifiziert werden konnte, machte vor etwa zwei Jahren Schlagzeilen.

Der Fotograf Steve McCurry von der Zeitschrift "National Geographic" hatte die damals zwölfjährige Gula in einem Flüchtlingscamp in Pakistan fotografiert. Das Bild erschien jahrelang in vielen Zeitschriften, Postern und Büchern.

Fast zwei Jahrzehnte später machte sich McCurry auf die Suche nach Gula und fand sie schließlich in einem Dorf in Afghanistan, wo sie mit ihrem Ehemann und drei Töchtern lebte. Sie erlaubte eine erneute Aufnahme. Anhand dieser Aufnahme gelang es Dr. John Daugman von der University of Cambridge in Großbritannien, Gula mittels computergestützter Irisanalyse zu identifizieren. (gwa)

Weitere Infos: www.cl.cam.ac.uk/users/jgd1000/afghan.html

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