Ärzte Zeitung, 25.03.2004

Testosteron kann lustlose Frauen wieder in Fahrt bringen

Nach Behandlung mit Hormonpflaster steigerte sich die Häufigkeit befriedigender sexueller Aktivitäten um 80 Prozent

Ein Testosteron-Pflaster könnte künftig das Sexualleben von Frauen mit sexueller Dysfunktion ankurbeln: Nach einer ersten Studie wird durch das "Lust-Pflaster" das Liebesspiel dieser Frauen - gemessen an der Häufigkeit befriedigender sexueller Aktivitäten - bereichert.

Von Marianne Dietrich

Nahezu jede zweite Frau, die eine Menopause-Klinik aufsuche, gebe sexuelle Dysfunktion als ein Hauptproblem an, berichtete Professor John Studd aus London bei einem Kongreß für Gynäkologische Endokrinologie in Florenz. Die Datenlage zur Inzidenz sexueller Probleme bei Frauen ist allerdings spärlich.

Mit einem eigens dafür entwickelten und validierten Fragebogen haben Dr. Alessandra Graziottin aus Mailand und ihre Mitarbeiter in einer Studie mit 2467 Frauen von 20 bis 70 Jahren - die meisten von ihnen in langjährigen Beziehungen - erforscht, wie häufig Frauen wenig oder gar keine Lust auf Sex haben (Fachbegriff: hypoactive sexual desire, HSD) - und wieviele darunter psychisch leiden (hypoactive sexual desire disorder, HSDD).

Darunter war auch eine Gruppe Frauen, die nach Entfernung der Eierstöcke zum Teil frühzeitig in den Wechseljahren waren. Das Ergebnis: Etwa 21 bis 36 Prozent aller Frauen empfanden kaum Lust auf sexuelle Aktivitäten, etwa jede fünfte dieser Frauen litt zum Teil intensiv darunter. Die Dunkelziffer, so Graziottin, sei allerdings vermutlich erheblich.

Die Bedeutung des "Lusthormons" Testosteron bei Frauen sei bisher erheblich unterschätzt worden, so die italienische Forscherin. So produzierten Frauen vor der Menopause drei- bis viermal mehr Testosteron als Östrogen, was allerdings nur fünf bis zehn Prozent der von Männern produzierten Menge entspricht. Im Verlauf des Lebens sinkt der Testosteron-Spiegel bei Frauen konstant, besonders drastisch aber nach der Menopause.

Nach Entfernung der Eierstöcke sind die Werte ebenfalls niedrig, da die Ovarien die Hälfte des Testosterons produzieren. Da bei der Uterusentfernung häufig auch die Ovarien herausgenommen würden, sei eine große Zahl Frauen von diesem Problem betroffen, so Graziottin zur "Ärzte Zeitung". Weitere Gründe für einen Abfall des bioverfügbaren Testosterons sind Medikamente wie Kortison, Thyroxin oder Östrogene.

Bei Männern mit Hypogonadismus wird eine Testosteron-Substitution schon seit langem praktiziert - "mit einem deutlichen positiven Effekt auf das Sexualleben", so die Erfahrung von Graziottin. In einer 24wöchigen Phase-II-Studie, über die Professor James Simon aus Washington bei der von dem Unternehmen Procter und Gamble unterstützten Veranstaltung berichtet hat, wurde diese Therapie auch bei Frauen angewandt: 447 Frauen, die nach einer Ovarektomie in künstlichen Wechseljahren waren und darunter litten, wenig Lust auf Sex zu verspüren, wurden mit einem Testosteron-Pflaster oder Placebo behandelt.

Zusätzlich nahmen alle Frauen eine Hormonersatztherapie ein. Das Ergebnis: Die mit dem Pflaster behandelten Frauen hatten im Vergleich zu Placebo eine Steigerung der Häufigkeit befriedigender sexueller Aktivitäten um 30 und - im Vergleich zum Ausgangswert - um 81 Prozent.

Unerwünschte Wirkungen wurden nicht beobachtet. Ziel der Behandlung sei es, so Simon, durch das Pflaster die Testosteron-Spiegel wieder auf Werte anzuheben, die denen vor der natürlichen oder chirurgischen Menopause entsprechen. Somit seien unerwünschte Wirkungen wie Akne, Hirsutismus oder eine tiefe Stimme kaum zu befürchten. Und durch die dermale Applikationsform werde der First-pass-Mechanismus der Leber vermieden, durch den ein negativer Effekt auf die Blutfette bedingt sein könnte.

Doch Daten zur Langzeitverträglichkeit des Pflasters, das als Intrinsa® vertrieben werden soll, stehen noch aus. Es läuft derzeit eine Phase-III-Studie, in die auch Frauen in der Menopause mit HSDD eingeschlossen sind. Der Zulassungsantrag bei der US-Behörde FDA, der in diesem Jahr gestellt werden soll, bezieht sich allerdings zunächst nur auf ovarektomierte Frauen mit HSDD.

Falls die Behandlung tatsächlich so effizient und sicher sein sollte wie erhofft, verwies Simon im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" allerdings auf ein neues Problem: "Was wird aus den 75jährigen Partnern der solcher Art behandelten Frauen?" sagte Simon.

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