Ärzte Zeitung, 19.03.2004

Für Iraks Kliniken haben die Besatzer kein Geld

Ein Jahr nach Kriegsbeginn bestimmen Gewalt und Mangel den Alltag im Irak / Deutsche Ärzte organisieren Hilfe

Ein 13jähriger Iraker, von einem Blindgänger schwer verletzt, wird von britischen Militär-Sanitätern in eine Klinik gebracht. Fotos: Gottstein/dpa

Von Pete Smith

Der Hilferuf kam vor vier Wochen per E-Mail: Der Kinderabteilung eines großen Krankenhauses in Bagdad waren die Beutel für Infusionen und Bluttransfusionen sowie die Spritzen ausgegangen. Der Frankfurter Internist Professor Ulrich Gottstein schrieb sofort zurück: "Können Sie das Material nicht vom irakischen Gesundheitsministerium bekommen?" Die Antwort: "Das Gesundheitsministerium hat weder Geld noch Waren."

Professor Ulrich Gottstein (links) und Mitstreiter. Viele Gebäude werden noch immer mit Sandsäcken vor Anschlägen geschützt.

Gottstein wußte Rat. Da es in Bagdad fast alles zu kaufen gibt, beauftragte er einen irakischen Kollegen, für 1700 Dollar im Großhandel 4500 Infusionsbeutel und 10 000 Spritzen zu erwerben und sie rasch in die Klinik bringen zu lassen. 120 Liter Desinfektionslösung gab’s noch dazu. Das Geld ließ Gottstein, Ehrenmitglied der Internationalen Ärzte zur Verhütung eines Atomkriegs (IPPNW), dem Kollegen rasch zukommen. So war allen auf schnelle und unbürokratische Weise geholfen.

"Anders geht es oft nicht", erklärt Ulrich Gottstein im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Denn auch ein Jahr nach Beginn des dritten Golfkriegs ist die Ausstattung der irakischen Krankenhäuser äußerst mangelhaft. "Das irakische Gesundheitsministerium ist nicht mehr als eine Regulierungsbehörde ohne Macht oder Geld. Und die Besatzungsmächte fühlen sich für die Kliniken nicht zuständig."

Kein Spielzeug: Kind mit einer Granate.

So sind die Krankenhäuser ganz auf die Hilfe von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) angewiesen. Diese statten die Kliniken Bagdads und Basras mit den wichtigsten Medikamenten aus, so daß mittlerweile niemand mehr sterben muß, nur weil er Diabetiker ist oder bakteriell verseuchtes Wasser getrunken hat. Gottstein: "Durch die Arbeit der NGOs hat sich die medizinische Versorgung im Land deutlich gebessert."

Große Erfolge habe man auch bei der Behandlung von leukämiekranken Kindern erzielt. So seien während und kurz nach dem Krieg nahezu alle an Leukämie erkrankten irakischen Kinder mangels Behandlungsmöglichkeit gestorben. Heute liege die Sterberate bei 50 Prozent.

Die irakischen Ärzte seien von den Kriegsmächten USA und Großbritannien enttäuscht, hat Gottstein erfahren. Er selbst hält Kontakt zu drei irakischen Arzt-Familien. "Alle waren große Gegner Saddams. Trotzdem sind sie wütend auf die Amerikaner. Wegen des Kriegs, der Zerstörung ihres Landes, der Tötung Tausender Iraker - Soldaten und Zivilisten."

Mit seinen irakischen Freunden wünscht sich Gottstein ein baldiges Ende der Besatzung. Ob die Anschläge damit aufhören, weiß er auch nicht. Aber zumindest können die Iraker dann ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Was auch der medizinischen Entwicklung zugute käme.

"Viele Leute im Irak glauben, daß man in fünf Jahren wieder über eine moderne Medizin verfügen kann", so Gottstein. Dafür sind aber noch gewaltige Anstrengungen nötig. Ob Mammographie, Sonographie, Echokardiographie oder einfache Blutuntersuchungen - in Deutschland übliche diagnostische Verfahren sind im Irak derzeit nicht verfügbar.

Ein weiteres Problem, so Gottstein, sei der Mangel an Fachärzten. "Viele Ärzte haben seit 1990 keine Weiterbildung erfahren. Außerdem haben sehr viele gute Ärzte das Land verlassen - wegen der schlechten Arbeitsbedingungen mit sehr niedrigem Einkommen oder wegen der großen Unsicherheit."

So bleibt auch in naher Zukunft nichts anderes übrig, als Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen und Verletzungen zur Behandlung nach Deutschland zu holen. Gerade sind acht Kinder aus dem Irak in Frankfurt eingetroffen und in Kliniken nach Mannheim und Ludwigshafen gebracht worden (wir berichteten). Gottstein und seine Mitstreiter, darunter auch mehrere deutsch-irakische Ärzte, müssen dafür nicht nur das Geld aufbringen, sondern auch viele bürokratische Klippen umschiffen.

Manchmal, so wundert sich der 77jährige Arzt und Friedensaktivist, werde er von Leuten gefragt: Was nützt denn das alles? Das ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Gottstein ärgert sich über solche Fragen. "Denn jedes einzelne Kind, dem wir helfen konnten, ist es wert."

Wer helfen will, findet Anregungen dazu im Internet auf www.ippnw.de/mitmachen/index.html

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