Ärzte Zeitung, 29.03.2004

"Ich bin wie nasses Stroh, Zündhölzer wollen nicht helfen - es brennt nicht"

Theodor Fontane litt an Depression / Göttinger Mediziner schreibt Krankengeschichte

Von Heidi Niemann

"Mann des ewigen Cachenez" wurde Theodor Fontane genannt, weil er stets in einen Schal gehüllt war (Aquarell von August von Heyden).

Für den Schriftsteller Theodor Fontane (1819 bis 1898) galt ein Grundsatz: "Krankheitsgeschichten sind langweilig."

Krankheiten spielen deshalb in seinem Werk kaum eine Rolle. Anders in seinem Leben: Fontane hatte nicht nur seit seiner Jugend einen Herzfehler, sondern durchlitt auch mehrfach Phasen schwerer Depressionen, die seine Schaffenskraft komplett lahm legten.

Dies hat der Göttinger Mediziner Horst Gravenkamp ermittelt. Anhand von Briefen und anderen zeitgenössischen Quellen sowie mit Hilfe einer Familienanamnese hat er die Krankheitsgeschichte des Schriftstellers untersucht.

Der Titel seines Buches - "Um zu sterben muß sich Herr F. erst eine andere Krankheit anschaffen" - ist das Zitat eines Arztes, der Fontane im Jahr 1892 während einer lang andauernden Krankheitsphase behandelt hatte.

Der Mediziner behielt zwar damals mit seiner Prognose Recht, denn der Romancier starb erst sechs Jahre später durch Herzstillstand. Doch welche akute Krankheit den Schriftsteller in dieser Zeit quälte, erkannte er ebenso wenig wie die anderen Ärzte, bei denen Fontane in Behandlung war.

Mehrere Monate lang litt Fontane unter einer ihm unerklärlichen Mattigkeit, Apathie, Antriebsschwäche, Freudlosigkeit, Gefühlsverarmung, Schlafstörungen und einer fast totalen Willenslähmung. Der sonst so umtriebige Autor und geistvolle Plauderer war nicht wiederzuerkennen. Welche Krankheit ihn so beeinträchtigte und veränderte, wußte Fontane nicht.

Ende des 19. Jahrhunderts sei die medizinische Forschung noch nicht in der Lage gewesen, die Krankheit richtig zu diagnostizieren, berichtet Gravenkamp. Heute sei das Krankheitsbild bekannt: Sowohl die Symptome als auch der Verlauf der Erkrankung seien typisch für eine endogene Depression.

Depressive Phasen hatte Fontane auch schon früher gehabt, etwa 1858 bei seinem Aufenthalt in England. Er fand für seinen Zustand ein prägnantes Bild: "Ich bin wie nasses Stroh, die besten Zündhölzer wollen nicht recht helfen - es brennt nicht." Auch eine andere Äußerung Fontanes weist nach Gravenkamps Ansicht auf die Kardinalsymptome der endogenen Depression hin: "Wenn ich meinem Arzte ein Bilde meines Zustandes geben sollte, ich könnte ihm nichts andres sagen als wie - der innerliche Mensch ist gelähmt."

Auch Fontanes Tochter Martha (Mete) habe vermutlich unter einer manisch-depressiven Erkrankung gelitten, berichtet Gravenkamp. Fontane bezeichnete das Leiden seiner Tochter als "Nervenpleite". Offiziell starb sie 1917 an einem Nervenleiden, dies sei die Umschreibung für einen Suizid gewesen.

Fontane empfand die "Trübsinns-Apathie", die ihn mehrfach befiel, vor allem deshalb als bedrohlich, weil sie seine Schaffenskraft lähmte. Seinen Herzklappenfehler, Folge eines rheumatischen Fiebers in seiner Jugend, nahm er dagegen als Schicksal hin, das er "in guter Manier" ertrug. Gegen andere Krankheiten versuchte er sich jedoch mit aller Macht zu wehren.

Der Romancier hatte eine ständige Angst vor Zugluft und Erkältungen. Zu jeder Jahreszeit war er deshalb in einen Schal gehüllt, um sich vor Schnupfen und Husten zu schützen. Wegen dieses Spleens galt er als "Mann des ewigen Cachenez". Seine Furcht vor Erkältungen ging so weit, daß er sie auch in seinen Werken thematisierte und damit gegen seine eigenen Grundsätze verstieß. So kommen mehrere seiner Romanfiguren durch eine Erkältung zu Tode. Effi Briest ist das berühmteste Beispiel: Sie wird am Ende durch "die Nachtluft und die Nebel, die vom Teich her aufstiegen", auf das Krankenlager geworfen und stirbt.

Horst Gravenkamp: "Um zu sterben muß sich Herr F. erst eine andere Krankheit anschaffen. Theodor Fontane als Patient". Wallstein Verlag, Göttingen. 144 Seiten. 16 Euro.

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