Ärzte Zeitung, 06.09.2004

Musik ist entwicklungsgeschichtlich wohl viel älter als Sprache

Manche akustische Muster rufen bei allen Kulturen vergleichbare Wirkungen hervor / Musik hilft, die Arbeitsweise des Gehirns zu untersuchen

Von Thomas Meißner

Musik und Sprache sind zwei nur den Menschen eigene Kommunikationssysteme - das jedenfalls wird gemeinhin angenommen. Womöglich ist Musik jedoch eine viel ursprünglichere Wahrnehmungsform und entwicklungsgeschichtlich viel älter als Sprache.

Vielleicht, so der Musikphysiologe Professor Eckart Altenmüller aus Hannover, gründe sich unsere Liebe zur Musik auf ein archaisches System sozialer Kontaktaufnahme, das nicht nur Menschen, sondern auch anderen Säugetieren eigen ist.

Musikalität ist teilweise erlernbar: Hirnaktivierung von Musikstudenten, gemessen per EEG, vor (oben) und nach einer 30minütigen Gehörbildung (zweite Reihe, die dritte Reihe zeigt die Differenz). Die Studenten mußten alle zwei Sekunden verschiedene Akkorde hören. Vor allem die Phase des Nachklingens ist nach dem Training deutlich verändert. Abbildungen: Eckart Altenmüller

Ursprung der Musik in Warn- und Begrüßungsrufen

Magnetresonanztomogramm eines Patienten mit Hirninfarkt im rechten Schläfenlappen. Einziges Symptom: Der Patient bemerkte eine veränderte Tonwahrnehmung, wenn er ein Klavierkonzert von Mozart hörte.

"Warum haben wir überhaupt Musik, wenn wir doch so ein hervorragendes Kommunikationsmittel wie die Sprache benutzen können?", so die provokante Frage von Altenmüller, Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin in Hannover, beim "NeuroForum Frankfurt", einer Veranstaltung der Hertie-Stiftung in Frankfurt am Main.

 

Akustische Muster, die bei uns starke Emotionen auslösen, haben nach Altenmüllers Angaben ähnliche Effekte bei Tieren. Ihr Ursprung liegt wahrscheinlich in Warn- und Begrüßungsrufen - einem Kommunikationssystem, wie es etwa bei Menschenaffen bekannt ist. Im Dienste der sozialen Bindung wurde diese Art der Kommunikation zur Urmusik.

Der Homo erectus benötigte im Zuge der zunehmenden Arbeitsteilung eine differenziertere und eindeutigere Kommunikationsform, was allmählich zu dem führte, was wir heute als Sprache verstehen. So könnte etwa die Tonhöhe zunächst eine Bedeutung bestimmter Zeichen der Zeichensprache kodiert haben. Später verselbständigte sich die Musik als Instrument der Gruppenbindung und zur emotionalen Erhebung. Aus der Antike ist bekannt, daß Musik ein wichtiger Sprachträger war in Form des gesungenen Liedes.

Warum ist das so wichtig? Weil Neurowissenschaftler durch die Musik einiges lernen können über die Arbeitsweise unseres Gehirns und darüber, wie Lernprozesse ablaufen. Schon das Hören eines einzelnen Tons löst hochkomplexe Vorgänge aus. Denn der Ton hat eine bestimmte Tonhöhe, eine Klangfarbe und eine dynamische Gestalt. Kommen weitere Töne hinzu, etwa Intervalle oder in Melodiekonturen mit bestimmtem Rhythmus, einer periodischen Abfolge, verschiedenen Lautstärken, müsse das Gehirn eine "Herkulesarbeit" leisten, so Altenmüller.

Überhaupt sei Musik ein aus vielen Einzelkomponenten zusammengesetzter auditiver Reiz, der erst im Gehirn zu dem wird, was wir als Musik wahrnehmen. Musikhören ist ein konstruierender Vorgang: Wenn die etwa 6000 Sinneszellen in beiden Innenohren Signale an die acht bis zwölf Milliarden Nervenzellen senden, beginnen in verschiedenen Hirnzentren gleichzeitig Verarbeitungsprozesse der einzelnen Musikbestandteile. So ist der rechte Schläfenlappen auf die Verarbeitung langsamer Ereignisse und langer Zeitabschnitte spezialisiert, die linke Schläfenregion verarbeitet stärker Details und ist besonders für die Wahrnehmung sehr schneller Vorgänge wichtig.

Fallen bestimmte Hirnregionen aus, verändert sich auch die Wahrnehmung von Musik. So schilderte Altenmüller den Fall eines Mannes, dem auffiel, daß er den Klavierpart in Mozarts Klavierkonzert A-Dur plötzlich als Xylophon-ähnlichen Klang wahrnahm. Das Magnetresonanztomogramm ergab schließlich einen Apoplex im Bereich des rechten oberen Schläfenlappens.

Hörtraining ist wie ein auditives Suchspiel

Wie wir die Musik im Gehirn konstruieren hängt auch von Lernprozessen ab. Geübten Hörern fällt es leichter als ungeübten, bestimmte Motive zu erkennen oder in Variationen wiederzuerkennen. Altenmüller verdeutlichte dies bei der Veranstaltung anhand eines als "sperrig" geltenden Streichquartetts des tschechischen Komponisten Leos Janacek (1854 bis 1924). Nach einigen Minuten Hörtraining fiel es dem Publikum viel leichter als bei der ersten Vorführung, das immer wiederkehrende ungewohnte Hauptmotiv zu erkennen. Dabei handele es sich um einen nachschöpferischen Erkennensprozeß, eine Art "auditives Suchspiel", so Altenmüller, welches den meisten Menschen Lust und Freude bereite.

Unabhängig von auch kulturell sehr unterschiedlichen Hörgewohnheiten gibt es musikalische Mittel, die bei allen Menschen vergleichbare Wirkungen hervorrufen, egal ob sie Mitteleuropäer oder Südostasiaten sind - ein weiteres Indiz für die Funktion der Musik als archaisches Kommunikationsmittel. Dies trifft nicht nur auf die Pop-Musik zu, wie man vermuten könnte, sondern auch auf klassische Musik, haben Studien ergeben.

Dabei kann es sich um plötzliche, unerwartete Momente handeln, um eine überraschende Harmonik oder das Sichlösen eines Solo-Instruments aus der Gruppe und das Sichwiedereinfügen, gleichsam als soziale Metapher. Auch ohne Musik studiert zu haben, nehmen die Menschen unbewußt eine innere Ordnung wahr, spüren den metrischen Impuls, auch wenn Töne im Takt fehlen, und spüren die Schmetterlinge im Bauch, das Kribbeln auf dem Rücken oder das Aufrichten der Haare auf dem Unterarm.

STICHWORT

NeuroForum der Hertie-Stiftung

Eine Gruppe deutscher Neurowissenschaftler hat sich im April 2000 zusammengeschlossen, um das "Jahrzehnt des menschlichen Gehirns" (2000 bis 2010) zu initiieren. Ziel ist es, die nach Ansicht der Hirnforscher erheblichen Informationsdefizite in der Bevölkerung in Bezug auf hirnbezogene Erkrankungen und deren gesellschaftlicher Bedeutung zu beseitigen sowie eine private Forschungsförderung nach dem Vorbild der USA anzustoßen. Interessenten können Mitglied im "Verein zur Förderung der Erforschung des menschlichen Gehirns e.V." werden.

Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung ist eine der größten privaten Stiftungen Deutschlands. Die Neurowissenschaften sind ein Hauptförderbereich der Stiftung. Mit der Veranstaltungsreihe "NeuroForum Frankfurt" möchte die Stiftung aktuelle Entdeckungen und Entwicklungen der Hirnforschung der Öffentlichkeit nahebringen. (ner)

Nähere Informationen im Internet: www.menschliches-gehirn.de und www.ghst.de/neurowissenschaften

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