Ärzte Zeitung, 14.05.2004

Brille, Hüftgelenk, Herzklappe - Leben mit Ersatzteilen

Das Deutsche Museum in München zeigt, welche Hilfen Medizin und Technik dem Menschen heute bieten

Von Jürgen Stoschek

Diese Fluidhand ist myoelektrisch gesteuert. Fotos: Dt. Museum

In keinem anderen Bereich der Technik hat sich in den vergangenen dreißig Jahren so viel getan wie in der Medizintechnik. Das Deutsche Museum in München zeigt deshalb jetzt in der Sonderausstellung "Leben mit Ersatzteilen", welche Hilfen die Medizin und Technik heute bereits bieten, wenn wichtige Körperfunktionen versagen, und welche Entwicklungen in Zukunft zu erwarten sind.

Daß sich hinter dieser Entwicklung oftmals ein allzu mechanistisches Menschenbild entwickelt hat, machte der Bayreuther Gesundheitswissenschaftler und Mitglied im Nationalen Ethikrat, Professor Eckhard Nagel, bei der Eröffnung der Ausstellung deutlich.

Unheimlich sei dabei weniger die Technisierung, sondern die Tatsache, daß die Menschen auf eine besinnliche Auseinandersetzung mit dem Fortschritt in der Medizin offensichtlich zu wenig vorbereitet seien, meinte Nagel. Die Vorstellung, daß der Mensch mit Ersatzteilen repariert werden kann, vereinfache die Heilung als einen Akt, der einen komplexen Lebensvorgang betrifft, hochgradig, erklärte er.

Der "Ersatzteilmensch" zeigt, welche Organe und Körperteile heute künstlich ersetzt werden können.

Mit der Sonderausstellung solle der Versuch unternommen werden, dem abzuhelfen, erklärte Projektleiter Dr. Walter Rathjen. Gezeigt werde deshalb nicht nur, was die Technik heute zu leisten vermag. Die Ausstellung wolle auch ethische und gesellschaftliche Dimensionen der Medizintechnik vermitteln. Gegenstand der Ausstellung sei deshalb etwa auch die Entwicklung eines künstlichen Herzens, das wohl niemanden kalt lasse, wie auch die Verwendung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken und zur Heilung.

Mit etwa 400 historischen und zeitgenössischen Exponaten stellt die Ausstellung in acht Themenbereichen die Entwicklungsgeschichte technischer Hilfen - von Brillen und Hörgeräten bis hin zu künstlichen Hüftgelenken und Herzklappen - sowie moderne Methoden der Zell- und Gewebezüchtung dar.

Gezeigt werden unter anderem miniaturisierte Hörgeräte und Cochlea-Implantate, Zahnprothesen und -implantate, Herzschrittmacher und künstliche Herzklappen, Dialysegeräte, künstliche Kniegelenke sowie Beispiele aus der Züchtung von Haut, Knorpel, Knochen und Muskelgewebe.

Eingebettet in die Ausstellung sind Interviews mit Patienten, die ihre Probleme und Hoffnungen schildern, die mit einem Leben mit Prothesen verbunden sind.

Begleitet wird die Exposition "Leben mit Ersatzteilen", die der offizielle Beitrag des Deutschen Museums zum "Jahr der Technik" ist, in den kommenden Monaten von vielen Vorträgen und Diskussionen rund um das Thema Medizintechnik.

Im Sommer kommenden Jahres soll die Ausstellung, die von etlichen Medizintechnik-Unternehmen unterstützt wird, dann im Medizinhistorischen Museum der Charité in Berlin gezeigt werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »