Ärzte Zeitung, 03.06.2004

Das Zwerchfell wird mit ein paar Damenstrümpfen zusammengehalten

Hosengummis simulieren den Muskelapparat an diesem Holzmodell des Oberarms. Fotos: Kunsthochschule Berlin-Weißensee

Mund auf, Mund zu: ein originelles, aber irgendwie anatomisch korrektes Modell des menschlichen Kaumuskels.
Ganz besonders ästhetisch wirkt dieses Modell eines Hüftgelenks. Die Wahl der Materialien stand den Studenten frei.

Ausstellung in Berlin / Bewegliche Anatomie-Modelle, gebaut von Kunststudenten

Von Sabine Schiner

Hosengummis simulieren an einem Holzmodell den Muskelapparat an Ober- und Unterarm, im Regal daneben wird das Zwerchfell mit Damenstrümpfen zusammengehalten. Bei einem anderen Objekt bilden Sprungfedern eine Wirbelsäule und ein Drahtgeflecht die mimische Muskulatur.

Mit Haushaltsutensilien und viel Phantasie haben Studenten der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee Modelle zur Muskel- und Gelenk-analyse menschlicher Extremitäten, aber auch Themen aus der Tieranatomie anschaulich umgesetzt.

Die Ausstellung "Gestalt und Spiel - Neue Wege in der Anatomie" ist noch bis Anfang des Wintersemesters 2004 im Gebäude des Anatomischen Instituts der Charité zu sehen.

Betreut wurden die Erstsemester von dem Anatomie-Professor und freischaffenden Künstler Manfred Zoller. Aufgabe war, das Zusammenspiel von Muskeln, Knochen und Bändern anatomisch korrekt und künstlerisch innovativ darzustellen.

Dabei haben sich die Studenten sich an wissenschaftlichen Präparaten aus dem Zentrum für Anatomie orientiert. Sie haben Vorträge gehört, Fachliteratur gewälzt, das Naturkundemuseum besucht. So haben sie sich Know-How angeeignet, und es sind unter anderen auch Modelle zum Flugapparat einer Fledermaus oder zum Saug-Schnapp-Mechanismus eines Fischkopfes entstanden.

Die Wahl der Materialien stand den Studenten frei, alle Konstruktionen mußten jedoch beweglich sein. "Das erfordert eine intensive Beschäftigung mit dem Thema", sagt Zoller im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Mit den beweglichen Modellen geht er neue Wege in der Anatomie. Um den Studenten die Möglichkeiten des Bewegungsapparates verständlich zu machen, setzt er auf das Dreidimensionale.

"Da werden Hebel und Maße bewegt, die zusammen eine räumliche Konstruktionen ergeben, etwa wenn eine Hand vom Rumpf aus in den Raum greift." Fast von selbst erkläre sich damit der Mechanismus einer Beugung oder einer Innenrotation. "Das klingt simpel, der Effekt ist jedoch erstaunlich", so Zoller.

Für Maler, Bildhauer, Graphiker und Designer gehört das anatomisch-morphologische Fachwissen zu den Grundlagen ihrer Arbeiten. "Anatomie ist ein sehr altes Fach mit einer Kulturgeschichte, die auch ganz stark in die Geistesgeschichte eingeht", sagt Zoller.

Er sieht sein Lehrfach jedoch auch ganz pragmatisch. "Ohne das Wissen um menschliche Maße kann ein Produktdesigner keine Autositze entwerfen."

Die Ausstellung "Gestalt und Spiel - Neue Wege in der Anatomie" ist bis zum Wintersemester 2004 zu sehen im Centrum für Anatomie der Charité, Campus, Philippstraße 12 (Eingang Luisenstraße). Geöffnet ist montags bis freitags von acht bis 18 Uhr.

ZUR PERSON

Anatom und Maler

Professor Manfred Zoller wurde 1947 in Zeitz geboren. Nach seinem Medizinstudium an der Universität Rostock arbeitete er von 1974 bis 1979 als Assistenzarzt am dortigen Anatomischen Institut. Dann entschied er sich für die Kunst. Bis heute arbeitet er freischaffend als Maler und Graphiker. 1980 bis 1983 wurde er Meisterschüler bei Professor Gerhard Kettner an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Von 1985 bis 1990 war Zoller dort Leiter der Abteilung Künstleranatomie. Schon damals ließ er seine Studenten Drahtzugmodelle bauen, anhand derer sie die Funktion von Antagonisten und Synergisten verdeutlichen sollten. Seit 1990 ist Zoller Professor für Anatomie und Morphologie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

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