Ärzte Zeitung, 16.06.2004

Sexualität Behinderter nach wie vor ein Tabuthema

In vielen Einrichtungen ist es für Bewohner unmöglich, ihre Sexualität auszuleben

Die Sexualität körperlich und geistig behinderter Menschen gilt nach der Meinung von Experten immer noch zu Unrecht als Tabuthema.

"Behinderte Menschen werden immer wieder als eine Art sexuelles Neutrum gesehen", sagte beispielsweise Lothar Schwalm vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen (zsl) in Mainz in einem Gespräch mit der Deutschen Presseagentur. "In vielen Einrichtungen wird es den Bewohnerinnen und Bewohnern unmöglich gemacht, ihre Sexualität auszuleben."

"Viele schauen bereits seltsam, wenn sich Rollstuhlfahrer in der Öffentlichkeit küssen", ist Schwalms Erfahrung. "Dabei haben absolut alle Menschen ein Recht auf Sexualität, körperliche Nähe und auch auf Kinder." Falls sich etwa ein geistig behindertes Paar mit Kinderwunsch nicht selber ausreichend um den Nachwuchs kümmern könne, müsse ihnen eine Assistenz zur Seite gestellt werden.

Unterstützung benötigten manche behinderte Menschen auch, wenn körperliche Einschränkungen sie beim Ausleben ihrer sexuellen Wünsche hemmten, so Schwalm, der selbst behindert ist. Hilfreich seien in diesem Fall professionelle Sexualbegleiter.

"Dies sind speziell ausgebildete Männer und Frauen, die Behinderten gegen Bezahlung sexuelle Wünsche erfüllen und beim Sex assistieren", erklärte Schwalm, der sich derzeit zum Sexualberater ausbilden läßt. "Sex auf Krankenschein" lehne er jedoch ab. (dpa)

Weitere Infos über das Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen im Internet: www.zsl-mainz.de

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