Ärzte Zeitung, 12.07.2004

"Arzt zu sein hat mir geholfen, eine wissenschaftliche Sprache zu verwenden"

Gestern ist der italienische Arzt und Autor Guiseppe Bonaviri 80 Jahre alt geworden

Von Manfred Poser

Seinen ersten Roman schrieb der junge Arzt auf seinen ersten Rezeptblock. "Der Schneider von Mineo" kam 1954 heraus, und seither hat Giuseppe Bonaviri ein halbes Jahrhundert lang geschrieben, wobei dreißig Romane, Gedichtbände, Erzählungen und Essay-Bände herausgekommen sind. Währenddessen hat Bonaviri 36 Jahre lang als Kardiologe am Krankenhaus von Frosinone östlich von Rom sein Geld verdient. Am Sonntag ist Bonaviri, einer der bedeutendsten Autoren Italiens, 80 Jahre alt geworden.

Seit zwanzig Jahren steht Bonaviris Name neben denen von Alda Merini und Mario Luzi - ebenfalls betagte Poeten seines Landes - auf den Notizblöcken jenes Komitees, das über die Vergabe des Literatur-Nobelpreises entscheidet. Doch die Vorgeschichte auf dem Weg zum Olymp ist lang:

Auf Sizilien gab es die Tradition der bäuerlichen Erzähler

      Als Kardiologe erlebte Bonaviri furchtbare Dinge, die ihn das Gesetz der Demut gelehrt haben.
   

Auf Sizilien, in dessen Inneren - Mineo liegt auf halben Weg zwischen den Küstenorten Catania und Gela - Bonaviri aufwuchs, gab es die Tradition der bäuerlichen Erzähler, die ihre Epen mündlich weitergaben. Bonaviri erlebte dies mit, und auch sein Vater Don Nanè, von Beruf Schneider (er war der "Schneider von Mineo"), galt als begabter Poet. Giuseppe jedoch wollte der berühmteste aller Dichter Mineos sein.

1943 schreibt sich der junge Bonaviri an der Universität ein, 1949 bekommt er den Doktortitel, arbeitet längere Zeit an der kleinen Klinik von Mineo, bis er einen Wettbewerb gewinnt. Er soll nun, 1958, als Kardiologe in Frosinone beginnen und muß daher Sizilien verlassen. Vorher hatte er Raffaella Osario geheiratet, mit der er heute noch zusammen ist.

In einem Interview sagte Guiseppe Bonaviri dem "Messaggero", am Anfang sei er dreimal in der Woche je 30 Stunden im Dienst gewesen, habe furchtbare Dinge gesehen. Menschen seien unter seinen Händen gestorben, und so habe er "das Gesetz der Demut in der Beziehung zu den anderen erlernt".

1964 stirbt sein Vater an einem Schlaganfall, und Bonaviri, nach sechs Jahren mörderischer Arbeit ausgelaugt, wird depressiv und vom Doppelgänger-Phänomen gequält. Freunde und das Schreiben helfen ihm darüber hinweg. "Das Dunkel ist Teil unserer inneren Existenz", sagt er. Damals hatte er "Steine im Fluß" veröffentlicht (1964) und dann "La divina foresta" (1969), der Italo Calvino sehr gefiel. Doch seine Erfahrungen als Arzt schlugen sich in seinen Romanen kaum nieder.

"Wer schreibt, muß auch unsere Körperfunktionen kennen"

Bonaviri erklärt nur: "Arzt zu sein hat mir geholfen, eine Art wissenschaftliche Sprache zu verwenden. Wer schreibt, muß auch unsere Körperfunktionen kennen. In uns leben Milliarden Bakterien, die für unser Leben und die Poesie eine große Rolle spielen." Giuseppe Bonaviri sammelt Vogelnester und Bücher, von denen er 15 000 besitzt. Sein jüngster Erzählband heißt "Il vicolo blu" ("Die blaue Gasse", 2003), der jüngste Gedichtband "Cavalli lunari" ("Mondpferde", 2004).

Vor zehn Jahren ging Bonaviri in den Ruhestand, doch er blieb in Frosinone wohnen, wohin er seine Familie, die Fabeln und die Mythen Siziliens mitgenommen hat. Kürzlich ehrte ihn die Region Latium als Poet. Die wahre Heimat des Schriftstellers ist ohnehin seine Sprache und seine poetische Welt.

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