Ärzte Zeitung, 15.07.2004

"Habe Blut gehustet, jetzt bin ich schwach und ärgerlich"

Heute vor 100 Jahren starb der russische Arzt und Schriftsteller Anton Tschechow an den Folgen einer Tuberkulose

Von Friedrich Hofmann

Der russische Dichter Anton Tschechow im Jahr 1889. Foto: dpa

Bereits ein Jahr vor seinem Tod am 15. Juli 1904 suchten den russischen Arzt und Schriftsteller Anton Tschechow erste Todesahnungen heim: "...ich liege im Bett und beschäftige mich damit, Blut zu husten..." und "...ich habe Blut gehustet, jetzt bin ich schwach und ärgerlich...", teilte er seinen Freunden brieflich mit und gab als Grund für die Schwäche im Mai 1903 an: "...und schließlich und endlich hat sich herausgestellt, daß die rechte Lunge ganz schlecht ist, daß ich eine Lungenerweiterung habe und Darmkatarrh usw...".

Im Juli 1904 kam Tschechow auf seiner Reise von Moskau nach Deutschland schließlich in Badenweiler an und teilte seiner Schwester mit, daß er nach Triest weiterreisen und von dort das Schiff nach Odessa nehmen wollte, um möglichst bald wieder im heimatlichen Jalta sein zu können.

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Von den Auswirkungen der vermutlich Ende 1884 beruflich erworbenen Tuberkulose geschwächt, trat Tschechow zwar die Kur in dem kleinen Ort im Südschwarzwald noch an. Und auch die bisweilen beißende Ironie und der Witz hatten ihn noch nicht verlassen, wenn er sich in seinen Notizen über die deutschen Frauen, ihre unmögliche Mode und die merkwürdigen Sitten der Südbadener lustig machte. Doch schon nach wenigen Tagen in dem "heißen und stickigen" Klima machten ihm die zunehmende Atemnot und schwere Anfälle einer Angina pectoris (?) zu schaffen, so daß er einen deutschen Kollegen zu sich bitten mußte.

"Ich sterbe bald, Doktor."

Als der Arzt schließlich am Krankenbett eintraf, sagte Tschechow ganz ruhig "Ich sterbe bald, Doktor." Dann trank er den Sekt, den ihm der Kollege reichte, legte sich nach Aussagen seiner Frau Olga Knipper "still auf die linke Seite und verstummte nach kurzer Zeit für immer".

Als der Arzt und Schriftsteller wenig später in Moskau begraben wurde, folgte dem Sarg eine riesige, kaum überschaubare Menschenmenge - unter ihnen natürlich vor allem Arzt- und Künstlerkollegen. Denn zweifelsohne war Tschechow neben Lev Tolstoi der bekannteste russische Schriftsteller seiner Zeit - und ist es wohl heute noch.

"Ich werde mir ein Türschild ‚Doktor‘ mit Zeigefinger bestellen, weniger der Arztpraxis wegen als vielmehr zum Schrecken der Hausknechte, Postboten und des Schneiders."      
   

1860 als Sohn eines Kaufmanns in Taganrog am Asowschen Meer geboren, bleibt der junge Tschechow in Südrußland, als sein Vater mit der Familie vor seinen Gläubigern nach Moskau fliehen muß. 1879 macht er das Abitur. Anschließend beginnt er in Moskau mit dem Medizinstudium - und publiziert gleichzeitig seine erste Kurzgeschichte.

Bereits im Frühjahr 1884 ist Tschechow fertig mit dem Studium und notiert zwei Tage vor der entscheidenden Abschlußprüfung: "Übermorgen wird meine Person das darstellen, was die Menge mit ‚Doktor‘ betitelt. Ich werde mir dann ein Türschild ‚Doktor‘ mit Zeigefinger bestellen, weniger der Arztpraxis wegen als vielmehr zum Schrecken der Hausknechte, Postboten und des Schneiders."

Den Arztberuf übt Anton Tschechow übrigens Zeit seines Lebens aus - und erwirbt sich dabei inbesondere Verdienste im öffentlichen Gesundheitswesen, etwa beim Management diverser Cholera-Epidemien und auch in der Arbeitsmedizin. Daß er parallel dazu praktisch die gesamte Familie ernährt und literarisch immer produktiver wird, grenzt allein von der Zeiteinteilung her an ein Wunder.

Der Gedenkstein für Anton Tschechow in Badenweiler, wo der Arzt und Dichter heute vor 100 Jahren starb.
Foto: fhv

In mehreren Erzählungen und Romanen widmet er sich - wie sollte es auch anders sein? - der Medizin, so etwa in der außerordentlich kritisch und ironisch erzählten "Langweiligen Geschichte", die von einem alternden medizinischen Wissenschaftler handelt, der sich am Ende zu der Bemerkung hinreißen läßt "...daß die Wissenschaft das Wichtigste, Schönste und Notwendigste im Leben eines Menschen ist".

Die praktische Medizin und die seinerzeit herrschenden unhaltbaren Zustände im Gesundheitswesen nimmt Anton Tschechow 1892 in seinem Roman "Krankenzimmer Nr. 6" aufs Korn und beschreibt dabei, wie es auf den Krankenstationen "vor Schaben, Wanzen und Mäusen nicht auszuhalten" sei, daß man in der chirurgischen Station die Wundrose nicht los werde und daß es "im ganzen Krankenhaus... nur zwei Skalpelle" gab "und kein einziges Fieberthermometer."

Richtig berühmt wird der russische Schriftsteller jedoch nicht mit seiner Prosa, sondern vor allem mit seinen Stücken "Die Möwe", "Onkel Wanja", "Drei Schwestern" und - kurz vor seinem Tod erschienen - "Der Kirschgarten".

Daß sein Ruhm bis heute andauert, beweisen allein die Aktivitäten, die die Gemeinde Badenweiler zu Tschechows Ehren noch bis zum 18. Juli im Rahmen der "russischen Woche" veranstaltet (Informationen im Internet über www.badenweiler.de): Es gibt mehrere Ausstellungen im Kurhaus und auch im Großherzoglichen Palais, auch Führungen und Lesungen und am heutigen Todestag die Einweihung eines "Tschechow-Platzes". Mitte Oktober findet dann das dritte internationale Tschechow-Symposium statt.

Erinnerungen von Tschechows Schwester erschienen

1956 - Stalin ist bereits drei Jahre tot, und in der Sowjetunion hat die "Tauwetterperiode" eingesetzt - setzt sich die 92jährige Maria Tschechowa an den Schreibtisch und notiert alle wesentlichen Erinnerungen an ihren berühmten Bruder Anton. Als drei Jahre jüngere Schwester hat sie ihn, der fast immer mit ihr oder zumindest in der Nähe gelebt hat, begleitet und nach seinem Tod als Herausgeberin von Briefen und Tagebüchern ihre ganze Schaffenskraft in seinen Dienst gestellt. Jetzt endlich ist dieses interessante, gut bebilderte Buch in deutscher Sprache erhältlich - und wir dürfen darin einen vor Witz und Ironie sprühenden, immer zu Späßen aufgelegten Arzt und Schriftsteller erleben, der im "richtigen" Leben viel lockerer war, als es die seriösen Bilder (mit Anzug, Krawatte, Hut) vermuten lassen. Besonders die vielen Passagen über die Lage des Gesundheitswesens im zaristischen Rußland einerseits und den Stellenwert der Kultur andererseits dürften dabei die Leser interessieren. Fazit: Ein Buch, das alle Tschechow-Freunde unbedingt lesen sollten. (FHV)

Maria Tschechowa: Mein Bruder Anton Tschechow. Kindler-Verlag. Berlin 2004. 287 Seiten. 22,90 Euro. ISBN 346340446X

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