Ärzte Zeitung, 28.07.2004

Kriegsgeschockte, von Psychiatern weiter malträtiert

"Der moderne hochtechnisierte Krieg traf an allen Fronten Menschen, die dem Inferno des pausenlosen Kugel- und Granathagels, dem grellen Leuchten, Blitzen und Flackern der Frontabschnitte, dem infernalischen Brüllen und Kreischen berstender Metallgeschosse, dem perfiden Summen und Pfeifen der Projektile und Querschläger, den Schreien der Verletzten, dem Anblick von Leiberfetzen in den Stahlgewittern Flanderns und der Argonnen nicht mehr standhalten konnten und wollten", schreibt Professor Wolfgang U. Eckart, Medizinhistoriker von der Universität Heidelberg.

"Viele wurden irre an dieser Situation, zitterten, krampften, erbrachen sich pausenlos, näßten ein, verstummten, vergruben sich in ihr Innerstes, reagierten skurril."

Das Thema Kriegsneurose, Granatschock, Kriegshysterie beherrschte die deutsche Psychiatrie der Kriegsjahre. "Freilich sollten die Kriegspsychiater niemals Verbündete ihrer Patienten werden, sondern immer Aufklärer vermeintlicher Simulation und "Willensschwäche bleiben und sich damit regelmäßig als Feinde ihrer Schutzbefohlenen erweisen", so Eckart in der "Ärzte Zeitung".

So pervers wie dieses Ziel, so pervertiert seien auch die "therapeutischen" Instrumente der Behandler gewesen: Da wurden elektrische Stromstöße als Überrumpelungsmaßnahmen, stundenlange Anwendung schmerzhaftester elektrischer Sinusströme - die "Kaufmann-Kur" -, die Nötigung, Erbrochenes wieder herunterzuschlucken, Röntgenbestrahlungen in Dunkelkammern, wochenlange Isolationsfoltern, die Provokation von Erstickungstodesangst durch Kehlkopfsonden oder Kugeln eingesetzt. Es gab sogar herzlos inszenierte Scheinoperationen in Äthernarkose, die von den Betroffenen wie Hinrichtungen empfunden wurden.

Eckart: "Seelisch Gebrochene blieben zurück, wenn sie nicht zuvor aus Gründen der Abschreckung direkt in die Trommelfeuer zurückgeschickt waren." (eb)

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