Ärzte Zeitung, 20.09.2004

Stammte der griechische Heilgott Asklepios eigentlich aus Thrakien?

Große Thraker-Ausstellung in Bonn / Thrakische Ärzte sprachen auch die Seele an

Von Gisela Stiehler-Alegria

Dieser kleine Pegasus aus purem Gold wird auf das vierte Jahrhundert vor Christus datiert. Foto: dpa

Bulgarien schickt seine Schätze um die Welt. Seit den 20er Jahren entdecken Archäologen immer neue Fundstätten, die von der Jungsteinzeit bis zur spätrömischen Epoche reichen und viele Kostbarkeiten bergen.

Am berühmtesten sind die Schätze der Thraker: Die Ausstellung "Die Thraker - Das goldene Reich des Orpheus" präsentiert bis zum 28. November in der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn nicht nur hochkarätige Goldgefäße und Waffen, sondern auch die rekonstuierten Jagdfresken eines Kultraumes aus Aleksandrovo. Nicht zufällig war der Goldreichtum Thrakiens in der Antike sprichwörtlich, gehörte doch der Erzabbau neben der Pferdezucht zu den wichtigen Wirtschaftszweigen des Landes.

Wer waren die Thraker? Zersplittert in viele Stämme siedelten Thraker von den Karpaten über die nördliche Ägäis bis Kleinasien, Kernland bildete das heutige Bulgarien. Sie gehörten zu den indoeuropäischen Völkern, die im Verlauf des zweiten vorchristlichen Jahrtausends in den donauländisch-balkanischen Raum einwanderten. Erst im fünften Jahrhundert vor Christus gelang dem Odrysenkönig Teres die Gründung eines thrakischen Großreiches, das kurz darauf wieder seinen Nachbarn unterlag. Danach schwächten persische und keltische Invasionen das Land, bis es 46 nach Christi entgültig durch die Römer unterworfen wurde.

Erwähnung finden die Thraker in Homers "Ilias": In dem Epos wird ihnen Respekt gezollt als tollkühnen Gespannfahrern und tapferen Nahkämpfern an der Seite der Trojaner. Ihre offensichtliche Todesverachtung speiste sich aus dem Glauben an Unsterblichkeit.

An die bilinguale und bikulturelle Gemeinschaft von Thrakern und Griechen erinnern viele legendäre Gestalten. Überlieferungen der thrakischen Musik und Mystik verbinden sich mit dem Namen Orpheus, dessen Spiel und Gesang auch die Griechen verzauberte. Ein leibhaftiger Held war dagegen Spartakus, der um 73 vor Christi den Aufstand der Sklaven von Rom anführte. Er war der Sohn einer thrakischen Priesterin des Diónysos-Heiligtums.

Über die Herkunft des Heilgottes Asklepios und dessen enges Verhältnis zu Apollon streiten sich die Gelehrten. Asklepios-Kultstätten in Verbindung mit Thermalquellen erfreuten sich besonders in Thrakien großer Beliebtheit. Auf eine thrakische Urheberschaft des vergöttlichten Asklepios könnte die Etymologie des Namens sowie seine thessalische Heimat, Trikka, anspielen. Im übrigen erscheint sein gnomenhafter Begleiter Telesphoros -"der es zum [guten] Ende bringt" - stets in thrakischer Tracht mit Kapuzenmantel.

In Pautalia, Serciaca oder anderen Kur- und Kultorten Frühbulgariens mögen Ärzte die bodenständigen Traditionen der Volksmedizin mit den Lehren des Hippokrates - etwa Prognostikon, Viersäfte- und Diätlehre - zum Nutzen der Kranken verbunden haben. Im Gegenzug blieb die thrakische Heilkunde nicht ohne Wertschätzung durch die Griechen.

So berichtet Platon von einem Heilmittel gegen Kopfschmerzen, das Sokrates von einem Priesterarzt des Zalmoxis in Chalkidike erhalten hätte. Der Therapieerfolg war mit dem Rezitieren einer Beschwörung verknüpft, um die Seele anzusprechen. Im Unterschied zur Behandlungsmethode griechischer Ärzte, die nur dem Körper Beachtung schenkten, galt den Thrakern die magische Komponente als wesentlich, um eine Genesung herbeizuführen.

Die Ausstellung "Die Thraker¨- Das goldene Reich des Orpheus" ist noch bis zum 28. November in der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4, zu sehen. Infos im Internet unter: www.bundeskunsthalle.de

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