Ärzte Zeitung, 04.10.2004

Mumien bekommen ein Gesicht - dank Computertomographie

In Marburg werden Mumien mit medizinischen Methoden untersucht / Die Forschungsergebnisse zeigt eine kleine Ausstellung

Von Gesa Coordes

Zähne im Hinterkopf, Löcher im Schädel: Mit medizinischen Methoden hat der Marburger Biologe Jan Harbort die Mumienköpfe der Zoologischen Sammlung der Universität erforscht. Die Relikte der alten Ägypter und Harborts Forschungsergebnisse sind in einer kleinen Ausstellung in der Uni zu sehen.

Das Gesicht von Mumie Nr. 16 hat seit Jahrtausenden niemand mehr gesehen. Erst mit einer Computertomographie wickelte Jan Harbort den Schädel aus - virtuell. Unter den mehr als zehn Tuchschichten, die bis dahin nur die Kopfform erahnen ließen, legt die radiographische Aufnahme den Blick auf ein erstaunlich gut erhaltenes Gesicht mit Lippen und Augenlidern frei. Etwa 30 Jahre alt war der Mann, der vor etwa 3000 Jahren starb, rekonstruierte Harbort.

Ebenfalls komplett verhüllt war das Exponat einer Mumie aus Theben, die die Marburger Forscher jahrelang für eine Fälschung hielten, weil sie sich unter sehr feinem Gewebe verbarg. Es schien unwahrscheinlich, daß damals schon so feines Tuch gewebt wurde. Und im 19. Jahrhundert gab es Fälscher, die jüngst Gestorbene nach Art der alten Ägypter mumifizierten und nach Europa verkauften. Mit Hilfe der Radiokarbon-Methode stellte sich jedoch heraus, daß der Schädel unter den Bandagen tatsächlich 2700 Jahre alt ist.

Wie die insgesamt 33, zum Teil noch eingewickelten Mumienköpfe in die Zoologische Sammlung der Marburger Universität geraten sind, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Ende des 19. Jahrhunderts kamen die Schädel in die Universitätsstadt.

Die Marburger Mumien sind Reste von "Auswickelpartys"

Vermutlich handelt es sich zum Teil um Reste sogenannter "Auswickelpartys", wie sie vor allem im 19. Jahrhundert in Europa beliebt waren. Diese Partys waren gesellschaftlich anerkannte Treffen, bei denen Mumien ausgepackt wurden. "Unglaublich, wenn man das heute mit Forscherohren hört", sagt kopfschüttelnd Jan Harbort. Vermutlich sollten die Mumienköpfe Lehrzwecken dienen. Doch die wertvollen Exemplare stehen bereits seit Jahrzehnten ungenutzt im Schrank.

Um die Relikte der frühen Hochkultur besser zu dokumentieren, ohne sie zu beschädigen, hat der Biologe 15 Mumienköpfe mit Computertomographien, Rotationsradiographien und anderen medizinischen Methoden untersucht. Dabei wurde er von Radiologen, Zahnmedizinern, Ägyptologen und HNO-Ärzten der Universität unterstützt.

Besonders fasziniert ist Harbort von Schädel Nr. 27. Wie sich anhand der Zähne feststellen ließ, handelt es sich um ein erst sieben Jahre altes Kind. Und es ist so gut mumifiziert worden, daß auch ganz zarte Details wie Augenlider und Wimpern die Jahrtausende überdauert haben. Harbort: "Man denkt, es sei ein schlafendes Kind."

Doch im Schädel des Siebenjährigen entdeckte der Forscher ein kreisrundes Loch, dessen Wundränder nicht verheilt sind: "Es sieht fast wie eine Schußverletzung aus." Ob das tödliche Loch durch einen besonders unglücklichen Sturz, Steinschlag oder Pfeilverletzungen zustandekam, ist allerdings nicht mehr zu klären.

Einen ungewöhnlichen Fund machte Harbort im Hinterkopf eines 25 bis 30 Jahre alten Mannes: Drei Zähne, die dem Toten schon zu Lebzeiten ausgefallen waren, wurden während des Mumifizierungsprozesses im Hinterkopf deponiert. Offenbar sollte der Körper des Mannes für das Leben nach dem Tod vervollständigt werden. Zudem könnte es sich um einen frühen Nachweis einer Zahnextraktion handeln.

Auch ein paar zoologische Überreste entdeckte der Biologe: Larven von Fliegen, Käfer sowie ein Wespennest in einer "Sandmumie". Die bei Abydos entdeckte Tote ist im heißen Wüstensand getrocknet - ein Beispiel für eine natürliche Mumifizierung. Gleichzeitig hatten sich Töpferwespen hinzugesellt.

Knochenkrebs bei einer 65 Jahre alten Frau

Degenerative Knochenveränderungen stellte der Harbort im Schädel einer etwa 65 Jahre alten Frau fest, die offenbar an einer Form von Knochenkrebs litt. Sie gehörte - ebenso wie zwei weitere der untersuchten Toten - der gehobenen Gesellschaftsschicht an. Erkennen läßt sich das an der anspruchsvollen Mumifizierung und daran, daß sie in einem für die damalige Zeit sehr hohen Alter gestorben sind.

Jan Harbort stellt die Marburger Mumien und seine Forschungsergebnisse in Schauvitrinen im Nordfoyer des Fachbereichs Biologie auf den Lahnbergen aus. Er legt Wert darauf, "keine Horrorshow" zu zeigen.

Für Gruppen und Schulklassen gibt es nach Voranmeldung Führungen durch die Zoologische Sammlung. Weitere Informationen: Telefon: 064 21 / 282 34 34.

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