Ärzte Zeitung, 06.12.2004

Von Massenkultur, Milchmädchen und Magersüchtigen

"Tischlein deck’ dich" / Eine Kunst-Ausstellung im Wilhelm-Fabry-Museum in Hilden widmet sich dem Essen

Angetreten in Reih und Glied: "Sucht" nennt die Künstlerin Ina Gumpert ihre Montage aus Holz, Metall, Filz und Feder. Fotos: Wilhelm-Fabry-Museum

Von Klaus Brath

Zweckentfremdeter Kühlschrank: Ohne Titel ist dieses Objekt von Margot Eppinger.

Der Tisch ist gedeckt, Speis und Trank laden in freundlicher Bistro-Atmosphäre zu Gaumengenuß und geselligem Beisammensein ein: Das Ölbild "Tischlein deck' dich" von Maria Landwehr gibt derzeit einer Kunstausstellung im nordrhein-westfälischen Hilden seinen Namen.

Wie schon in den letzten Jahren hat das dortige Wilhelm-Fabry-Museum - benannt nach dem Begründer der wissenschaftlichen Chirurgie im deutschen Sprachraum - Künstler aus dem gesamten Bundesgebiet zur Bearbeitung eines medizinisch relevanten, populären Themas eingeladen: Der Titel "Essen ist ein Bedürfnis, Genießen eine Lust" animierte über 200 Künstler zur Teilnahme. Die ausgewählten 60 Arbeiten von 56 Künstlern umfassen eine enorme Bandbreite künstlerischer Techniken - Gemälde, Fotografien, Collagen, Skulpturen, Installationen - und regen zu vielfältigen Assoziationen an.

Da ist etwa der üppige Taschenkrebs Matthias Brocks, in leuchtendem Rot gemalt auf glitzerndem Eis über geöffneten Muscheln drapiert. Brocks’ Titel "Paris" verweist auf Sinnlichkeit und Luxus, Arbeiten wie etwa Irina Brunns "Armut" dagegen thematisieren auch den entgegengesetzten Pol des Mangels und der Not.

Neben weiteren Arbeiten, die sich mit kulturellen, sozialen und religiösen Aspekten des Essens auseinandersetzen, bildet seine physiologische Notwendigkeit zum Erhalt der biologischen Körperfunktionen einen weiteren Schwerpunkt der Schau. Essen ist lebensnotwendig.

Gute Ernährung schützt vor Krankheiten und steigert die Lebenserwartung. Doch die Ernährungsgewohnheiten sehen heute meist anders aus: zu viel, zu wenig, zu einseitig, zu hastig, zu süß, zu fett - die dargestellten Eßsünden beschwören die drohenden Konsequenzen in Form von Übergewicht, Bluthochdruck oder Eßstörungen.

Da verleitet ein glibberiges, grünes Gummibonbon, von Alex Majewski in einer Großaufnahme verlockend zwischen die Zähne gepreßt, zum Zubeißen - gesund wird es nicht sein. Genauso läßt sich Susanne Jühlings "Stilleben" - ein Abbild gegenwärtiger Massenkultur mit Fast Food wie Pommes, Hamburger, Bier und Cola - als Kritik an den gegenwärtigen Ernährungsgewohnheiten deuten.

Welche Eßkultur derzeit häufig gepflegt wird, verheißt Silke Kleins sogenannter "Kapselautomat Konfekt(ions)ware": "Für den Einwurf einer Zwei-Euro-Münze gibt es einen süßen Wegbegleiter...", heißt es da. Noch schlimmer steht es um die sitzende Frau in Ada Mees "Ohne Genuß - hungrig": Ihr Eßtisch ist leer, und man fragt sich, ob die hungernde Frau nun ein Model oder eine Magersüchtige ist...

So sehr die Künstler der Hildener Ausstellung die Auswüchse der modernen Konsumgesellschaft kritisieren - es gibt auch Werke, die zeigen, daß Essen genuß- und sinnenfreudig und trotzdem gesund sein kann: Als Synonym für ein nährstoffreiches Nahrungsmittel gilt seit jeher die Milch. Das "Milchmädchen" in Friedrich Cremers gleichnamigem Großfoto hat einen ausgeprägten Milchbart. Dies mag zwar wenig fein aussehen - aber dafür wirkt das junge Mädchen ausgesprochen gesund.

Die Austellung "Tischlein deck' dich! Essen ist ein Bedürfnis, Genießen eine Lust" ist bis 30. Januar 2005 im Wilhelm-Fabry-Museum, Hilden, zu sehen. Weitere Infos, auch zum Begleitprogramm, im Internet: www.wilhelm-fabry-museum.de

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