Ärzte Zeitung, 03.11.2004

HINTERGRUND

Ohne Sicherheit wird es kein Gesundheitswesen in Afghanistan geben

Von Anno Fricke

Für Ärzte und ihre Helfer ist der Aufbau eines funktionierenden Gesundheitswesens in Afghanistan lebensgefährlich. Etwa 20 Angehörige humanitärer Organisationen kamen allein in diesem Jahr zum Teil durch gezielte Angriffe ums Leben, schätzen die Vereinten Nationen.

  Die mittlere Lebenserwartung
in Afghanistan beträgt 45 Jahre.

Den Grund für die aggressive Haltung der Taliban gegenüber den Aufbauhelfern vermuten Vertreter der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" unter anderem darin, daß viele von ihnen im Auftrag der afghanischen Regierung unterwegs sind. Damit hätten sie in den Augen muslimischer Kämpfer ihre Neutralität eingebüßt.

Die andauernden Kampfhandlungen erschweren die Arbeit zusehends: "Soldaten der Koalitionstruppen gehen als humanitäre Helfer verkleidet auf die Suche nach versteckten Taliban", sagte Peter Schmitz beim 6. Kongreß "Theorie und Praxis der humanitären Hilfe" in Berlin.

Seitdem greifen Terroristen Mitarbeiter der Hilfsorganisationen an. Schmitz ist leitender Arzt des Malteser Auslandsdienstes. Nach der Ermordung zweier örtlicher Helfer haben sich die Malteser vor kurzem aus den südöstlichen Provinzen des Landes zurückgezogen. Auch "Ärzte ohne Grenzen" hat seine Mitarbeiter aus dem Land abgezogen.

Von 1000 Müttern sterben 17 im Kindbett

Das afghanische Gesundheitsministerium verfügt über zu wenige Ressourcen, um selbst die Versorgung der Bevölkerung mit den nötigsten Gesundheitsdienstleistungen in die Wege zu leiten. Seit März 2003 gibt es ein gemeinsames Programm des Ministeriums mit den Geberländern, Nichtregierungsorganisationen (NGO) und der UN. Dieses Basic Package of Health Services (BPHS) enthält sieben Schwerpunkte der Versorgung.

Diese Anstrengungen sollen die erschreckend hohe Kindersterblichkeit von 165 toten Kindern auf 1000 Geburten und die Sterblichkeit von Müttern auf dem Kindbett (1700/100 000) verringern helfen. Impfungen sind ebenso Teil des Programms wie die Verbesserung der Ernährungssituation, der Kampf gegen Infektionskrankheiten, die Versorgung geistig und körperlich beeinträchtigter Menschen sowie die Ausstattung der Gesundheitsposten und Krankenhäuser mit Medikamenten.

NGO können sich darum bewerben, das BPHS in einem Gebiet zur Bevölkerung zu bringen. Dabei seien sie weitgehend frei in ihren Entscheidungen, berichteten die Teilnehmer bei dem Berliner Kongreß. Dreieinhalb Dollar pro Kopf der Bevölkerung erhalten sie dafür von der Weltbank. Fünf Dollar deckten den Bedarf eher, berichteten die Helfer aus der Praxis.

Lokale Führer fühlen sich von Hilfsorganisationen bedroht

Die Organisationen stellen das Personal ein und entlassen es wieder. Sie empfangen das Geld von der Weltbank, zahlen die Löhne, bilden aus und setzen die medizinischen Schwerpunkte. Das schafft böses Blut in einer Gegend, in der die stolzen lokalen Führer bislang selbst in die rudimentäre medizinische Versorgung hinein regierten. In manchen Regionen ist die Gefahr hoch, von der Bevölkerung in die Nähe der ungeliebten Regierung und der Koalitionstruppen gerückt zu werden.

Paradoxerweise ist mehr Geld im System, als dieses verbrauchen kann. Zu schnell sei das Programm eingeführt worden, sagt Schmitz, dessen Malteser noch etwa 300 000 Menschen im Westen Afghanistans betreuen. Heute gebe es zu viele Ärzte, aber kein weibliches Personal. Und das ist zur Behandlung von Frauen in Afghanistan dringend nötig.

Weite Teile des Landes erreicht das Programm nicht, vornehmlich die abgelegenen Rückzugsgebiete der Taliban und Regionen, in denen Drogenbarone die Anwesenheit ausländischer Helfer und Soldaten nicht gerne sehen. Die etwa 30 Hilfsorganisationen, die im Auftrag der afghanischen Regierung arbeiten, konzentrieren ihr Wirken auf sicherere Gebiete. Dazu zählt auch Kundus, wo die Bundeswehr sich an der Aufbauarbeit beteiligt.

Afghanistan hat nach Sierra Leone die schlechtesten Gesundheitsstatistiken der Welt. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 45 Jahre. Höchstens zehn Prozent der etwa 17 Millionen Afghanen haben Zugang zu sauberem Trinkwasser und leben mit einer geregelten Abwasserentsorgung. Das IKRK bemüht sich, Strukturen einer Notfallmedizin im Lande aufzubauen. Aber die fehlende Sicherheit läßt auch dieses Projekt in Ansätzen steckenbleiben. Das heißt, außer in Kabul und in einigen Provinzhauptstädten gibt es keinen Rettungsdienst.

Die mangelnde Sicherheit im Lande treibt die vor Ort tätigen Ärzte am stärksten um. Auf den Punkt brachte es in Berlin Guy Causée von "Ärzte für die Welt": "Sicherheit ist der erste Schritt zu einem öffentlichen Gesundheitswesen in Afghanistan."

FAZIT

Allein in diesem Jahr sind in Afghanistan zwanzig Helfer internationaler Organisationen bei Anschlägen ums Leben gekommen. Bei einem Kongreß in Berlin beklagten Vertreter von Hilfsorganisationen die mangelnde Sicherheit, die den Aufbau eines funktionierenden Gesundheitswesens in Afghanistan auf lange Sicht unmöglich mache. Nach Sierre Leone hat das Land am Hindukusch die schlechteste Gesundheitsstatistik der Welt. So hat beispielsweise nur jeder Zehnte der etwa 17 Millionen Afghanen Zugang zu sauberem Wasser.

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