Ärzte Zeitung, 12.11.2004

Vom Fischsarg zur Ausschütt-Truhe

Kasseler Museum für Sepulkralkultur zeigt die Ausstellung "Totenruhe, Totentruhe"

KASSEL (dpa). Die Bandbreite reicht vom einfachen Kartonsarg bis zum edel glänzenden Designersarg: Särge aus vier Jahrhunderten stellt das Kasseler Museum für Sepulkralkultur (Totenkult) unter dem Motto "Totenruhe, Totentruhe" zur Schau.

Dieser Sarg in Fischform stammt aus Ghana. Er ist Schmuckstück der Schau "Totenruhe, Totentruhe". Foto: dpa

Die oft von Künstlern und Designern gestalteten Särge in der Ausstellung spiegeln nicht den deutschen Bestattungsalltag wider, so Museumsdirektor Reiner Sörries. Zwar schmücke sich die Bestattungsbranche auf Fachmessen mit Designersärgen.

Zugleich verteidige sie jedoch wie ein Kartell den traditionellen Durchschnittssarg. In der Praxis hätten sich die Särge in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert, meinte Sörries. Kunsthandwerkern mit ideenvoll gestalteten Särgen gelinge es nicht, im Markt Fuß zu fassen. Der deutschen Sargindustrie ihrerseits machten zunehmend Billigimporte aus Osteuropa Probleme.

Die ältesten Ausstellungsstücke stammen aus dem 17. Jahrhundert, als die Beisetzung in einem Sarg in Deutschland langsam üblich wurde. Selbst bis ins 19. Jahrhundert wurde die ärmere Bevölkerung weiter ohne Sarg bestattet: In einem Klappsarg, einer sogenannten Ausschütt-Truhe, wurden die weniger betuchten Toten auf den Friedhof getragen und fielen dann über eine bewegliche Klappe ins Grab.

Je nach Stand und Einkommen waren die Särge schon damals unterschiedlich aufwendig gearbeitet: Ein schmuckvoller Zink- oder Bleisarg für die Beisetzung in einer Familiengruft etwa kostete im 19. Jahrhundert etwa 650 Mark, ein einfacher Fichtensarg 13 Mark.

Während ein farbig gestalteter Sarg aus Ghana in Form eines Fisches in der Ausstellung fast fröhlich wirkt, ist der aus der Ex-DDR stammende Spanplattensarg rein funktionell. Er war zur Feuerbestattung bestimmt. Das Sargmodell des Designers Luigi Colani besticht in der Schau nicht nur mit seinem stromlinienförmigen Äußeren: Im Innern ist die letzte Ruhestätte mit einem kuschelig weichen Mumienschlafsack ausgestattet.

Die Ausstellung "Totenruhe Totentruhe" ist bis zum 16. Januar 2005 zu sehen. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.sepulkralmuseum.de

Topics
Schlagworte
Panorama (30669)
Wirkstoffe
Zink (192)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Personal-Notstand auf deutschen Intensivstationen

Auf deutschen Intensivstationen fehlen mehr als 3000 Spezialpflegekräfte. Die Krankenhäuser wollen reagieren. Das Personal denkt über einen Großstreik nach. mehr »

HIV-Impfung generiert Immunantwort

Eine Impfung gegen HIV ist in frühen klinischen Studien. Erste Ergebnisse sind positiv. mehr »

Warum die Putzhilfe glücklich macht

Putzen, Wäsche waschen, Kochen: Viele Menschen empfinden all das als nervige Pflichten. Wer Geld hat, kann andere für sich arbeiten lassen - und fühlt sich dann zufriedener. Das haben Forscher herausgefunden. mehr »