Ärzte Zeitung, 23.11.2004

Moderne Hörgeräte knüpfen Kontakt zum Mobiltelefon

Neues Funksystem überträgt Gespräche drahtlos auf Hörgeräte / Bluetooth-Technik und FM-Übertragung / 20 Meter Reichweite

STUTTGART (boe). Selbst komfortable, digitale Hörgeräte bereiten Probleme beim Telefonieren vor allem mit dem Mobiltelefon. Ein neues Funksystem erfaßt Telefonate kabellos mit der Bluetooth-Technik und überträgt sie dann mit Hilfe der Frequenz-Modulations-(FM)-Technik auf beide Hörgeräte.

Hörgerätehersteller und Hörgeräte-Akustiker schätzen die Zahl der Menschen mit einem Hörgerät in Deutschland auf acht bis zehn Millionen. Doch selbst sehr moderne Hörcomputer haben noch immer einen Nachteil, der die Kommunikation zur Umwelt behindert - die Probleme, die beim Telefonieren auftreten. Denn das Mikrofon eines Hinter-dem-Ohr-Gerätes sitzt ungünstig über dem Ohr, und es kommt fast immer zu akustischen Rückkoppel-Effekten.

Funk-Fernsteuerung für die Programmauswahl

Der Schweizer Hörgeräteentwickler Phonak will dies nun mit seinem Funksystem SmartLink SX überwinden, das gleich mehrere Funktionen hat. Es ist eine Funk-Fernsteuerung für Programmwahl und Lautstärke-Einstellung des digitalen Hörsystems Perseo, Claro und Supero und besteht zudem aus einem elektronischen Mikrofon. Dieses kann einen ganzen Raum erfassen, einen Zoom-Effekt oder gar eine extreme Richtcharakteristik erzeugen, um etwa aus einem Stimmengewirr einer Party-Situation die Stimme des Gesprächspartners "herauszuzoomen".

Das drahtlose Funksystem SmartLink verbindet das Mobiltelefon mit dem Hörgerät. Foto: boe

Die Schallwellen erreichen die beiden akustischen Sensoren im SmartLink mit Zeitverzögerung. Ein Mikroprozessor kann aus dieser Verzögerung die Richtung des Schalls berechnen und so die Hörcharakteristik des Gerätes verändern. Ferner analysiert ein Mikroprozessor auf 20 Kanälen die einlaufenden Schallwellen und blendet störenden Schall aus. Neu in dem Funksystem ist die Möglichkeit, eine Brücke zum Telefonieren zu schlagen.

Dazu empfängt das Gerät Bluetooth-Signale, einem Funk-Standard, der 1998 von dem Handy-Hersteller Ericsson entwickelt wurde. Damit lassen sich Radiowellen um 2,4 Gigahertz bei gewollt geringer Reichweite von einigen Metern aussenden und - etwa im Büro - drahtlose Netzwerke zwischen Rechner und Peripheriegeräten wie Drucker und Modems herstellen.

Die Annahme eines Gesprächs erfolgt ganz automatisch

Viele moderne Mobiltelefone, aber auch kabelgebundene, analoge Telefonapparate verfügen bereits über einen Bluetooth-Adapter oder lassen sich nachrüsten, so daß sich ein Kontakt zu dem SmartLink-Gerät herstellen läßt. Von hier aus werden die akustischen Signale - vom Läuten des Telefons bis zum Gespräch - zum Hörgerät oder zu beiden Hörgeräten weitergeleitet, "ein Vorteil gegenüber allen Gesunden, die Gespräche immer nur auf einem Ohr führen können", erklärt Friedrich Bock, Technischer Leiter des Hörgeräte-Herstellers in Deutschland.

Die Gesprächsannahme erfolgt automatisch. Andere Audioquellen wie Fernsehgerät oder CD-Player, die möglicherweise direkt an das SmartLink angeschlossen sind, werden für die Dauer des Telefonats ausgeblendet. Der Träger eines Hörgerätes kann sich völlig frei in einem Umkreis von bis zu 20 Metern um seine SmartLink-Station bewegen.

Die Datenübermittlung zu den Hörgeräten erfolgt auf der freigegebenen FM-Frequenz von 173,99 Megahertz (MHz); das sichert einerseits die Klangqualität und andererseits einen moderaten Stromverbrauch im Vergleich zur Bluetooth-Technik. Allerdings kann der Träger des Hörgerätes bei Bedarf 39 weitere Frequenzen bis zu 220 MHz nutzen, was aber zuvor genehmigt werden muß.

Mit einer Scan-Funktion kann man sich bei Veranstaltungen auch gezielt auf die Suche nach FM-Frequenzen machen; dabei wird das SmartLink deaktiviert, und die Hörgeräte suchen den Raum nach vorhandenen FM-Frequenzen - zum Beispiel vom Mikrofon eines Referenten - ab, um sich direkt in die drahtlose Kommunikation einklinken zu können.

Die Energieversorgung beruht allerdings nicht auf preiswerten, handelsüblichen Akkuzellen, sondern auf einem eingebauten Lithium-Ionen-Akku. Dieser hat den Vorteil einer hohen Energiedichte und kennt praktisch auch keinen Memory-Effekt. Werden nämlich Akkus vor der vollständigen Entladung wieder aufgeladen, merkt sich die Zelle den kleineren Kapazitätsbereich und gibt anschließend die restliche Ladung nicht mehr frei. Bei häufigen unvollständigen Entladungen verringert sich die Kapazität. Erfahrungsgemäß halten Li-Ionen-Akkus nur zwei bis drei Jahre. Ein werkseitiger Austausch ist dann nicht zu vermeiden.

Ob die Krankenkasse die etwa 2300 Euro teure Investition für das Gesamtsystem übernimmt, ist von der Überzeugungskraft des Versicherungsnehmers abhängig. Ein Plus an Lebensqualität und sogar die Aufrechterhaltung eines vom Telefon abhängigen Arbeitsplatzes bringt das Hörsystem mit Sicherheit.

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