Ärzte Zeitung, 23.11.2004

"Ich bin nicht krank" - wildes Panoptikum um eine ALS-Patientin

Christof Schlingensiefs neues Theaterprojekt "Kunst und Gemüse. A. Hipler. Theater ALS Krankheit" in Berlin uraufgeführt

Von Elke Vogel

Die Hauptdarstellerin liegt in einem Bett mitten im Publikum. Angela Jansen leidet an amyotropher Lateralsklerose (ALS), seit zehn Jahren ist sie gelähmt. Per augengesteuerter Computertechnik kommuniziert die 48jährige in Christoph Schlingensiefs Theaterprojekt "Kunst und Gemüse, A. Hipler. Theater ALS Krankheit" mit ihren Mitspielern und den Zuschauern.

Die ALS-Patientin Angela Jansen liegt in ihrem Krankenbett vor der Bühne, auf die ihr Gesicht projiziert ist. Foto: dpa

"Ich bin nicht krank, ich kann mich nur nicht bewegen", sagt Angela Jansen. Schlingensief überträgt ihre Aussage auf die Lage an den deutschen Bühnen: "Mit einem einzigen Satz beschreibt sie den Zustand des Theaters, ohne daß es gemeint war." Theater als Krankheit, die wichtigsten Diagnosen treffe man dort, wo man gar nicht geforscht habe.

Bei der Uraufführung der Performance an der Berliner Volksbühne war der Applaus des Publikums freundlich. Dem "Patient Theater" geht es auch in dem von Schlingensief und dem aus Simbabwe stammenden Regisseur Hosea Dzingirai gemeinsam erarbeiteten Stück nicht besonders gut. Auf der Grundlage von Arnold Schönbergs Oper "Von heute auf morgen" haben sie eine Mischung aus Kunstausstellung, Film, Musik- und Sprechtheater inszeniert. Der ebenfalls an ALS leidende Maler Jörg Immendorff, ein Freund Schlingensiefs, schuf das Plakat zu dem Theaterprojekt (wir berichteten).

Eine Handlung gibt es nicht, es ist eher ein wildes Panoptikum. Die Zuschauer sollen sich die Aufführung ansehen, als wären sie in einer Kunstausstellung, fordert Schlingensief. Der Unterschied sei nur, daß in diesem Fall sich nicht die Besucher an den Kunstwerken vorbeibewegen, sondern andersherum. Als Kunstwerke treten Laien und professionelle Schauspieler auf. Eine kleinwüchsige Frau und ein Behinderter sind dabei. Außerdem die bereits in Schlingensiefs Bayreuther "Parsifal"-Inszenierung als "Urmutter" erschienene dicke Dame, die wieder viel nackte Haut zeigt.

Oft weiß der Zuschauer gar nicht, wo er zuerst hinschauen soll: Es gibt Videos auf zwei großen Leinwänden und dem roten Samtvorhang. Dazu die Einblendungen der per Augen-Zwinkern übermittelten Beiträge von Angela Jansen. Sie erzählt von ihrer "Nicht-Krankheit", ihren Erfahrungen mit Ärzten und dem Stand der Forschung. Sänger und Musiker führen daneben in einem spießigen Wohnzimmer-Interieur kurze Stücke aus Schönbergs Oper auf. Vor einer New Yorker Ghetto-Szenerie wackeln die Türme des World Trade Centers.

Ein Double von Johannes Heesters wird zu seinem Verhalten während der Nazi-Zeit befragt. Doppelgänger von Wolfgang Wagner und Jean-Luc Godard treten auf, per Video melden sich gleich mehrere Hitlers. Meist passiert alles gleichzeitig. Die Bilder stehen in scheinbar keinem Zusammenhang und bleiben so beliebig. Dazwischen springt Dzingirai immer wieder auf die Bühne und gibt Anweisungen.

Schlingensief fungiert als "Produzent" und "Kurator" und steht zum ersten Mal nicht selbst auf der Bühne. Zum Schlußapplaus ist er aber wieder dabei, und eine von Angela Jansens letzten Botschaften lautet: "Ich grüße dich, Jörg Immendorff!"

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