Ärzte Zeitung, 26.11.2004

Unter Tutanchamun grassierte die Pest

Hinweise von der "Restaurationsstele" des jungen Pharao / Tunanchamun-Ausstellung in Bonn

Von Gisela Stiehler-Alegria

Ein vergoldeter Eingeweidesarg aus der Grabkammer von
Tutanchamun.
Foto: dpa

Ein wahrer Publikumsmagnet ist die Schau "Tutanchamun. Das Goldene Jenseits" in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Besucher treffen auf liebreizende Genreszenen, die Möbel und Schreine dekorieren und doch nur das freudenreiche Jenseits reflektieren.

Im ausgehenden 14. Jahrhundert vor Christus sah der Alltag dagegen eher trübe aus, wie eine "Restaurationsstele" Tutanchamuns verrät, die die Folgen des Regierungsintermezzos Echnatons, der die alten Götter gestürzt hatte, kommentiert.

Der Kindpharao Tutanchamun (etwa 1332 bis 1323 vor Christus) mußte die Gegenreformation einleiten und zu den alten Göttern zurückkehren. Die Steleninschrift wirft Licht auf einen Zustand des Verfalls, wie es einst nur Königin Hatschepsut (etwa 1479 bis 1460) nach der Hyksos-Herrschaft geschildert hatte.

Fungierte die Beschreibung von Chaos und Leiden lediglich als literarische Metapher, die Hatschepsut und Tut benutzten, um sich als die Heilsbringer zu inszenieren, die Ägypten aus der Misere herausführen?

Peilte die Klage, einer Erweiterung der Grenzen bleibe der Erfolg versagt, nur geplante Militäroperationen an, oder protokollierte sie die historische Pattsituation im nahen Osten, wo potente Gegenspieler wie die Hethiter in Syrien-Palästina dieselben machtpolitischen Interessen verfolgten wie die Ägypter?

Nach dem Tod des Ketzerkönigs Echnaton, Tuts mutmaßlichem Vater, vereitelte der ägyptische Hof den skandalösen Versuch der verwitweten Königsgemahlin, einen hethitischen Prinzen zu ehelichen, und ließ den angereisten Kandidaten einfach verschwinden.

Die "schwere Krankheit Ägyptens" ist keine leere Floskel

Dieser Akt forderte die Hethiter zwangsläufig zu einem Rachefeldzug heraus, was wiederum mit verheerenden Konsequenzen verbunden war: Gefangengenommene Ägypter schleppten eine Seuche ein, die seit zwei Dezennien in Anatolien wütete.

«Das Land war von Krankheit befallen, die Götter hatten dem Land den Rücken gekehrt.»      
Strophe aus dem Text der
Restaurationsstele Tutanchamuns
 
 

Aus ägyptischer Feder liegen uns zwei Dokumente vor, die sich mit dem Ausbruch von Epidemien beschäftigen. Der "Papyrus med. London" (um 1350 vor Christus) diagnostizierte eine im Nilland grassierende Seuche als "Asiatische Krankheit". Dieser Terminus bezeichnet ein zwei Jahrhunderte zuvor im "Papyrus Hearst" beschriebenes Leiden, dessen Symptome auf die Bubonenpest zutreffen, die angeblich von den Hyksos-Völkern eingeschleppt worden sein soll.

Die "schwere Krankheit Ägyptens", von der nicht nur die Stele Tuts, sondern auch private Grabinschriften berichten, ließe sich folglich nicht länger als leere Floskel abtun, sondern bezieht sich auf eine Epidemie, die wahrscheinlich bereits unter Tuts Großvater Amenophis III. ausgebrochen war.

Dessen extensive Verehrung für die löwengestaltige Sachmet, Krankheitsbringerin und Heilgöttin zugleich, gewinnt vor diesem Hintergrund neue Bedeutung. Auch die Aussage Hatschepsuts muß in Hinblick auf die Seuche neu bewertet werden.

Die Ausstellung "Tutanchamun, Das Goldene Jenseits" ist noch bis zum 1. Mai 2005 in der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn zu sehen.

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