Ärzte Zeitung, 09.03.2005

"Shell Shock" - wenn Gewalt einen Effekt auf das Nervensystem ausübt

US-Ausstellung beleuchtet das Phänomen der Posttraumatischen Belastungsstörung

Erster Weltkrieg, 1916: Französische Soldaten klettern während der Schlacht um Verdun aus ihren Schützengräben. Fotos: dpa

Von Ronald Gerste

US-Soldaten kontrollieren Waffen im Irak. Jeder fünfte Heimkehrer soll unter einem Psychotrauma leiden, berichten US-Medien.

Jeder fünfte US-Soldat im Irak soll, so berichten US-Medien, mit mentalen Störungen vom fernen Kriegsschauplatz zurückkehren. Das Psychotrauma der Soldaten wurde im und nach dem Ersten Weltkrieg erstmals eingehend erforscht - doch der "Shell Shock", die Posttraumatische Belastungsstörung, kann auch Ursachen im zivilen Leben haben.

"Shell Shock" ist der Titel einer bis 31. März währenden Ausstellung der National Library of Medicine in Bethesda (Maryland), in der erzählt wird, wie Mediziner während des Ersten Weltkrieges in großer Zahl mit einer komplexen Symptomatik bei Zehntausenden von Soldaten konfrontiert wurden, die unbeschreibbare Grausamkeiten erlebt hatten.

Die Symptome reichten von partiellen Lähmungen und Schlafstörungen bis hin zur Amnesie, zu Konvulsionen der Gesichtsmuskulatur und zu sogenannter "hysterischer" Blindheit. Der Begriff "Shell Shock" beschrieb eine psychische Traumatisierung in einem Krieg, in dem Millionen von Granaten verschossen wurden und ein ungeheures Inferno verursachten. Die "Kriegsneurose" fand Eingang in die Terminologie der Militärärzte.

Traumatisierte Soldaten wurden daheim verachtet

Die britische Armee allein zählte bis Kriegsende 80 000 Soldaten, die ihren "Breaking Point" erreicht hatten, die ausgebrannt und nicht mehr einsatzfähig waren. Doch die relativ schnell etablierte Erkenntnis der Ärzte, daß man es mit einem eigenständigen Krankheitsbild zu tun hatte, setzte sich weder in der Militärführung noch bei der Zivilbevölkerung durch. Letztere begrüßte psychisch traumatisierte Heimkehrer oft mit tiefster Verachtung.

Man ließ die Soldaten spüren, daß man sie für Feiglinge hielt. Einige Hundert dieser Patienten kamen gar nicht zurück nach Merry Old England: Die Armeeführung hatte sie wegen Feigheit erschießen lassen. In Deutschland war man nur unwesentlich verständnisvoller, hier soll sich die Zahl der Hinrichtungen auf etwa zwei Dutzend belaufen. Nervenärzte mit Sinn für die Freudsche Schule sehen in der psychischen Traumatisierung der Soldaten eine "männliche Hysterie" - hysterisch konnten, wie der an den Uterus erinnernde Wortstamm zeigt, nach weit verbreiteter Lehrmeinung nur Frauen werden.

Die beiden Dichter Wilfred Owen und Siegfried Sassoon wurden die bekanntesten Opfer der Posttraumatischen Belastungsstörung jener Jahre. Owen hatte erleben müssen, wie eine Granate nur wenige Meter von ihm entfernt einschlug. In einem Krater mußte er zusammen mit der zerfetzten Leiche eines Kameraden mehrere Tage lang aushalten. Owen schrieb Anti-Kriegsgedichte von bleibender Mahnung.

Die, wie er es nannte, "alte Lüge", wie süß es sei, für das Vaterland zu sterben, wurde und wird noch heute von denen erzählt, die fern der Kriegsschauplätze an sicheren Kabinettstischen sitzen. Auch Owen wurde ihr Opfer. Im August 1918 erklärte man ihn wieder für einsatzfähig. In einem der vielen sinnlosen Einsätze des Krieges wurde er in feindliches Maschinengewehrfeuer geschickt - eine Woche vor Friedensschluß.

Eine Ironie der Medizingeschichte: Die Posttraumatische Belastungsstörung wurde schon einige Jahrzehnte früher von einem englischen Arzt eingehend beschrieben; ihre Auslöser jedoch waren nicht die Schrecknisse des Krieges, sondern die Schattenseiten jener Erfindung, die im 19. Jahrhundert den Menschen eine ungeahnte Mobilität bescherte und zum Symbol eines zukunfts- und technologiegläubigen Zeitalters wurde: die Eisenbahn.

Sir John Eric Erichsen war einer der angesehensten Chirurgen des viktorianischen London, und er beschrieb die mentalen Traumen von Menschen, welche die damals alles andere als seltenen Eisenbahnkatastrophen überlebt hatten.

"Konfuse Gedankengänge und vermindertes Interesse"

"Ein fehlerhaftes Gedächtnis," so beschrieb Erichsen die Symptome in seinem 1866 erschienenen Klassiker "On Railway and Other Injuries of the Nervous System", "konfuse Gedankengänge, vermindertes Interesse an den Geschäften, schlechte Laune, Schlafstörungen, gestörtes Sehvermögen, Hörschwierigkeiten, Veränderungen des Geschmacks- und Geruchssinnes, Persönlichkeitsveränderungen, Nachlassen der Kraft in den Extremitäten, Taubheitsgefühle, Kälteempfinden, sexuelle Impotenz." Preis der Moderne? "Da ist etwas in dem Zusammenstoß, dem Schock und der Gewalt eines Eisenbahnunglücks, das einen Effekt auf das Nervensystem ausübt, der über eine gewöhnliche Verletzung hinausgeht."

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