Ärzte Zeitung, 11.01.2005

"Die Mentalität der Thailänder hat mich stark beeindruckt"

Eindrücke des Rettungsassistenten Uwe Berg von Scharpen, der mit dem Malteser-Kriseninterventionsteam in Phuket war

Von Ursula Gräfen

"Für mich war das eine Katastrophe von einem bisher unvorstellbaren Ausmaß!" Der Malteser Rettungsassistent Uwe Berg von Scharpen aus Mainz ist gleich nach der Tsunami-Katastrophe mit dem Kriseninterventionsteam der Malteser nach Phuket in Thailand geflogen, um sich dort um Deutsche zu kümmern - kein Einsatz wie andere.

Ein Mönch geht durch das nahezu völlig zerstörte thailändische Fischerdorf Ban Nam Khem - mit stoischem Lächeln. Das Lächeln der Thailänder hat den deutschen Malteser tief beeindruckt. Fotos: dpa

"Unvorstellbar!" Immer wieder fällt dieses Wort. Und dieses: "Bizarr!" Der Mainzer Malteser beschreibt: "300 Meter Strandabschnitt in Phuket sind völlig zerstört, und dahinter ist alles intakt! Dort ist überhaupt nichts zu sehen von der Katastrophe! Das ist bizarr! In einem Erdbebengebiet ist die ganze Region zerstört. Und hier ist hintendran die Welt in Ordnung. Dort stehen die Blechhütten, die Restaurants, die Cafés, als wäre nichts geschehen! Sehr bizarr."

Ebenfalls stark beeindruckt hat Berg von Scharpen die Mentalität der Thailänder. "Die Freundlichkeit der Thailänder war überwältigend", sagen alle Malteser. Aber es war mehr. Berg von Scharpen ging vor allem unter die Haut, wie die Thailänder mit der Katastrophe umgegangen sind. "Wir wurden schon am Flughafen vom thailändischen Einsatzleiter in Empfang genommen. Der sagte gleich: Was ihr hier nicht erleben werdet, ist Schwermut. Ihr werdet nur Thailänder sehen, die lächeln."

Und so sei es auch gewesen. "Das war nicht nur äußerlich. Es ist ihr Glaube, ihre Mentalität, ihre Kultur. Nach ihrem Glauben ist der Tod ein Neuanfang und oft ein besserer Neuanfang. Diese Mentalität hat mich am meisten beeindruckt", sagt der Malteser.

Nur Wände und Dach ihres Hauses sind Supavadee und ihrem Vater im thailändischen Dorf Ban Nam Khem geblieben.

Natürlich hätten betroffene Thailänder, die Angehörige und Heim verloren hatten, unter Schock gestanden. "Dennoch ist ihre Mentalität so: Es ist alles zerstört, fangen wir von vorne an." Und so habe jeder jedem geholfen - lächelnd. "Unvorstellbar", sagt Berg von Scharpen wieder.

Er ruft auf, in zwei, drei Monaten wieder als Tourist nach Thailand zu fahren, denn das Land lebe schließlich vom Tourismus und brauche die Devisen jetzt noch viel mehr als vorher.

Viele deutsche Touristen in Thailand, die die Flut miterlebt hatten und um die sich das Malteser Kriseninterventionsteam gekümmert hat, waren total geschockt, lethargisch und weinten nur. "Die haben ja auch Unvorstellbares erlebt", sagt der Malteser Rettungsassistent. "Man muß sich das mal vorstellen: Viele Touristen sahen das erst als ein Naturschauspiel an. Viele gingen deshalb direkt ans Meer. Und dann kam die erste Welle, dann die zweite und schließlich die dritte, die alles mitriß. Es muß ein Albtraum sein, wenn man das erlebt hat!"

Einige der Betroffenen werden wohl auch weiter psychologische Hilfe brauchen. Aber viele werden von ihrer Familie aufgefangen werden.

So wie auch Berg von Scharpen selbst. Denn so ein Einsatz ist nicht leicht zu verkraften. Auch nicht für geschulte Fachleute.

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