Ärzte Zeitung, 12.01.2005

"Die traumatischen Erlebnisse lasten schwer auf den Flut-Opfern"

Die Flut-Katastrophe in Indien / Ein Erlebnisbericht des Maltesers Martin Pfeifer

Zutiefst betroffen von dem, was er zur Zeit in Indien erlebt, ist Martin Pfeifer, Nothilfe-Experte des Malteser-Auslandsdienstes. Er unterstützt dort die Malankara Social Service Society, die sich um Flutopfer an der indischen Küste kümmert. Was die Menschen, die durch die Tsunami-Flut alles verloren haben, ihm erzählen, ist Pfeifer unter die Haut gegangen. Er hat es vorgestern für die "Ärzte Zeitung" aufgeschrieben.

Alles ist kaputt, alles ist verloren. Ein indischer Fischer und seine Familie stehen vor den Ruinen ihres Hauses. Foto: Martin Pfeifer/Malteser

Von Martin Pfeifer

Auch die ältesten und erfahrensten Fischer hatten so etwas noch nicht erlebt. Am frühen Sonntag, dem 26. Dezember, zieht sich das Meer plötzlich vom Strand zurück. Fische, Muscheln und Quallen liegen zappelnd im Sand. Einige Kinder beginnen, sie einzusammeln. Dann plötzlich ein Schrei: "Weg! Weg! Eine Riesenwelle kommt...!"

In Panik schreien die Menschen die Warnung in die Häuser und Hütten. Eltern raffen ihre Kinder und wecken die Alten. Doch das Wasser ist schon da. Verzweifelt versuchen einige Männer, die Landboote im Kanal für die Flucht loszubinden. Indessen stürzt die erste gewaltige Flutwelle herein. Eine haushohe braune Masse erdrückt mit einem Schlag ein ganzes Dorf an der Südwestküste Indiens.

Seetha, 39, aus Allapad steht gerade 50 Meter vom Strand entfernt unweit eines Kanals, der parallel zur Küste verläuft. Sie sieht die Welle von der Küste her kommen. Häuser, Autos und sogar Lastwagen werden von ihr fortgerissen. Dann kommen die Wassermassen auf sie zugeschossen. Boote fliegen umher, ein Tosen, Schreie und ein gewaltiges Krachen. Seetha hält sich verzweifelt an einem Seil fest, während der braune Strom ihr die Beine wegreißt. Menschen und Boote fliegen an ihr vorbei, andere schreien von den Dächern ihrer Häuser. Eine zweite noch größere Flutwelle stürzt herein. Häuser werden weggerissen, Bambusdächer treiben auf Seetha zu, sie kämpft um ihr Leben.

370 Obdachlose werden in einem Camp versorgt

Erst nach zwei Stunden lassen die Wassermassen nach. Seetha stampft durch Trümmer und Schlamm hin zum Kanal und sucht nach ihren Verwandten - vergeblich. Am nächsten Tag hat sie die traurige Gewißheit: Ihre Schwägerin und ihre Nichte sind nicht unter den Geretteten, sie werden vermißt...

Seetha ist jetzt mit 370 anderen obdachlos gewordenen Fischern im Lager Ochira. Sie sind zwei von insgesamt 30 000 Betroffenen in einem 27 Kilometer breiten Küstenabschnitt nördlich von Kollam. Im Camp Ochira, das von der katholischen Kirche und dem indischen Militär betreut wird, leben insgesamt 370 Menschen. Alle haben nahe Angehörige verloren.

Auf dem Schulgelände ist die Grundversorgung mit Wasser, Nahrung und Unterkünften gesichert. Soldaten betreiben eine gut eingerichtete Ambulanz. 15 Toiletten und Waschgelegenheiten wurden zusätzlich errichtet.

Freiwillige des MSSS ((Malankara Social Service Society), einer karitativen Organisation des katholischen Erzbistums Trivandrum, kochen gemeinsam mit den Bewohnern das Essen. Sie sorgen auch für die Hygiene und die Verteilung der Kleidung. Deutsche Malteser beraten die Organisation im Management und finanzieren ihre Hilfen.

Obwohl die Versorgung weitgehend gesichert ist, lasten die traumatischen Erlebnisse schwer auf den Menschen. Die Suizidgefahr ist groß. Viele Betroffene sehen keine Zukunft mehr. Ihr Haus, ihre Kinder, Eltern oder Ehepartner haben sie verloren. Die Fischernetze sind zerrissen, die Boote zerborsten oder weggeschwemmt. Möbel, Kochgeschirr und Spielzeug, alles nahm die Flut mit.

Thomas Varghese, 28 Jahre alt, ein junger Trainer des MSSS, beriet vor der Katastrophe Fischer, Bauern und Arbeiter in Vermögensangelegenheiten und organisierte mit ihnen die Selbsthilfe. Jetzt kümmert er sich im Lager um die Schwersttraumatisierten. "Viele haben alles verloren", sagt er. "Langsam beginnen sie, über ihre Zukunft nachzudenken. Die es am schlimmsten getroffen hat, wollen nicht mehr zurück."

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