Ärzte Zeitung, 19.01.2005

Hausärzte können vielen Flut-Opfern gut helfen

Es gilt, mit Empathie zuzuhören und klarzumachen, daß die Reaktion normal ist / Psychotherapie und Antidepressiva können nötig sein

Noch sind hunderte Touristen vermißt. Eine Thailänderin betrachtet die "Wall of Love", Such-Aufrufe im "Bangkok Phuket International Hospital". Foto: dpa

Von Ingeborg Bördlein

Bei Deutschen, die bei der Flutkatastrophe in Südasien Angehörige verloren haben oder die den Tsunami selbst miterlebt haben, könnten jetzt die aufgestauten Gefühle hochkommen. Nach einem Schockerlebnis ist zunächst eine Phase der "emotionalen Distanz" typisch.

Das sei eine Art Überlebensstrategie, so die Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Dr. Astrid Bühren aus Murnau, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Sie selbst betreut derzeit konsiliarisch drei Überlebende der Flut, die im Unfallkrankenhaus Murnau behandelt werden, und einen Patienten ambulant in ihrer Praxis. Auf keinen Fall dürfe man in der Phase der emotionalen Distanzierung von den schrecklichen Ereignissen in die Patienten eindringen und sie mit Fragen bedrängen.

Wichtig ist, eine emotionale Distanz zu akzeptieren

Astrid Bühren berichtet von einem ihrer Patienten, der mit seiner Familie, seinem neunjährigen Sohn und seiner fünfjährigen Tochter sowie zwei befreundeten Frauen in das Urlaubsparadies Kaoh Lak in Thailand gereist war. Sechs Personen waren in den Traumurlaub gestartet, zurückgekommen sind allein er und seine Tochter. Die anderen sind vermißt.

Dieser Mann habe ihr akribisch genau erzählt, wie die Flutwelle kam, wie er im "Strudel der stinkenden Brühe" schon mit seinem Leben abgeschlossen hatte, wie ihm seine kleine Tochter, die er an der Hand gepackt hatte, weggeschwemmt wurde. Wie er sie zwei Tage später zufällig in dem Krankenhaus, in dem er lag, wiedersah. Diese traumatischen Ereignisse habe er mit erstaunlicher Ruhe und Distanz erzählt. Hier gelte es zunächst, mit Empathie zuzuhören, diese Distanz zu akzeptieren und dem Patienten Sicherheit zu vermitteln, damit sich die Gefühle später Bahn brechen können.

Erst nach einem gewissen Zeitraum, nämlich nach vier Wochen bis sechs Monaten, kann sich eine posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) entwickeln. Daß das passieren kann, darauf sollte man Patienten vorbereiten. Zu den Symptomen gehören Alpträume oder auch Flash-backs. Das sind sich wiederholt aufdrängende Erinnerungen an das Ereignis.

So habe etwa das fünfjährige Mädchen, das inzwischen bei der Großmutter einen sicheren Ort hat und auch von einer Kinderpsychiaterin behandelt wird, anfangs keine Toilettenspülung ertragen, weil dadurch das dramatische Erlebnis flashartig zurückkehrte, erzählt Astrid Bühren. Weitere Hinweise sind sozialer Rückzug, Vermeidungsverhalten, Depressionen, Reizbarkeit und Schlafstörungen. Aber auch körperliche Symptome können Anzeichen einer solchen Störung sein, wie etwa Muskelverspannungen, Herzrasen, Magen- und Darmstörungen.

Es gelte also, auf psychische und somatische Reaktionen gleichermaßen zu achten, so die Expertin, die in ihrer Praxis einen Schwerpunkt für PTSD hat. Sollten sich solche Symptome entwickeln, müssen die Patienten unbedingt darauf angesprochen werden. Hausärzte können hier gut helfen. Wer sich überfordert fühlt, kann sich an eine Hotline, die die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde bundesweit aufgebaut hat, wenden. Hier finden Ärzte, Betroffene und Angehörige Rat. Astrid Bühren ist eine der Ansprechpartnerinnen.

"Wann kriege ich Nachricht von meinen vermißten Angehörigen?" Diese Frage quält alle Betroffenen. Richtig trauern können sie zunächst nicht, denn der Tod der Familienangehörigen ist nicht bestätigt, also auch nicht sicher. Eine solche unklare Situation kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, daß sich eine PTSD entwickelt, so Astrid Bühren. Hier müsse man mit den Patienten einen jeweils individuellen Plan aufstellen, wie sie mit dieser ungewissen Situation umgehen.

Wer Angehörige vermißt, sollte ein Trauerritual zelebrieren

Einer ihrer Patienten zum Beispiel, dessen Frau noch vermißt ist, lädt sich ständig Freunde und Bekannte ein, nur um nicht allein zu sein. Irgendwann werde er den Tod seiner Frau wohl akzeptieren müssen. Hier rät die Psychotherapeutin dazu, ein Trauerritual zu zelebrieren, sei es ein kirchliches oder eine Abschiedsfeier innerhalb der Familie. Es müsse auch einen Ort geben, an dem man die Erinnerung an die Vermißten pflegen kann, zum Beispiel einen festen Platz in der Wohnung mit einem Bild.

Gerade für Kinder ist es wichtig, ihnen Sicherheit zu vermitteln und einen geregelten Alltag zu ermöglichen. Dies erfordere nicht unbedingt eine psychotherapeutische Behandlung, sondern könne auch von Familienmitgliedern oder auch Hausärzten geleistet werden, betont die Ärztin. Das Wichtigste sei, den Patienten klar zu machen, daß ihre Symptome eine ganz normale Reaktion auf ein schier unfaßbares Erlebnis sind.

Bei ausgeprägter PTSD empfiehlt Astrid Bühren eine psychotherapeutische Behandlung. Antidepressiva könnten ebenfalls eingesetzt werden, seien aber bei ihren Patienten bislang nicht erforderlich gewesen.

Die Hotline, die auch vom Berufsverband der Vereinigung psychotherapeutisch tätiger Kassenärzte mitgetragen wird, hat die Nummer: 04 51 / 500 24 45.

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