Ärzte Zeitung, 27.01.2005

Heute vor 60 Jahren wurde das NS-Vernichtungslager Auschwitz befreit. In Auschwitz findet heute eine Gedenkfeier statt. Erwartet werden Bundespräsident Horst Köhler und die Präsidenten von Frankreich, Rußland und Polen. Mit dabei auch der Frankfurter Arzt Dr. Siegmund Kalinski, der Auschwitz überlebt hat.

Erinnerungen an Menschen in der Hölle von Auschwitz

Siegmund Kalinski wurde als 16jähriger in das Vernichtungslager gebracht. Wenn die Erinnerungen kommen, "lassen sie einen nicht frei, sie überkommen einen, übermannen einen, man kann sie nicht vergessen, verdrängen, aus dem Gedächtnis löschen", schreibt er im Jahr 1991 in einem Text für einen Freund. Der Freund ist Max Willner, der ebenfalls Häftling in Auschwitz gewesen ist. Der Text ist ein Beitrag in einem Buch zu Ehren von Max Willner, der Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen war.

Das Tor des Vernichtungslagers Auschwitz. Foto: dpa

Von Siegmund Kalinski

Siegmund Kalinski, in Krakau geboren, wurde mit 16 Jahren nach Auschwitz deportiert. Er überlebte Zwangsarbeit und Todesmarsch. Er studierte Medizin und wurde Arzt für Allgemeinmedizin. 1968 ließ er sich in Frankfurt am Main nieder.

Max...

Vor ein paar Tagen flatterte ein Brief auf meinen Schreibtisch. In diesem Brief stand, in wenigen Zeilen nur, daß Max Willner in diesem Jahr 85 Jahre alt wird, und daß man ihn mit einem Buch ehren wolle und ob ich, der ich ihn doch schon so lange kenne, einen Beitrag zu diesem Buch schreiben könne.

Max...

Wann eigentlich haben wir uns kennengelernt? Es ist schon so lange her. War es 1943? Oder doch erst 44? Irgendwann in der Zeit war es, und nach so vielen Jahren möchte ich auch auf kein genaues Datum schwören. Jedenfalls war es in Auschwitz. Genauer gesagt, in Auschwitz- Monowitz, im Häftlingsjargon "Buna-Lager" genannt.

Ich war sechzehn, als ich nach Auschwitz kam. Ich war aus dem Lager Szebnie in Südpolen, im damaligen Generalgouvernement, gekommen und zunächst auch nicht ins Zentrallager, sondern nach Birkenau, auf die "Rampe", wo alle Massentransporte ankamen. Nach der Selektion auf der Rampe waren von dreitausend nur noch ungefähr achthundert geblieben...

Nach einer vierwöchigen Quarantäne war ihre Zahl noch weiter dezimiert. Dann standen die Übriggebliebenen wieder vor dem Lagerarzt, der die noch Kräftigsten auswählte und zur Arbeit im Buna-Lager für "würdig" befand. In Buna stampften die IG Farben ein neues Chemiewerk aus dem Boden. Die Arbeitskräfte dafür lieferten die Häftlinge, immer wieder neue, der "Verschleiß" war enorm, aber der Nachschub lief ja... aus Gefängnissen, Gefangenenlagern (Russen), Internierungslagern, Ghettos, aus anderen Konzentrationslagern, aus aller Herren Länder, in denen das Hakenkreuz wehte, zuletzt die meisten aus Ungarn.

Im Vergleich zu Birkenau war Monowitz ein "Sanatorium", wie die Häftlinge zu sagen pflegten. Sie meinten damit, daß sie dort immerhin einen Strohsack hatten, auf den sie ihren Kopf legen konnten, während sie in Birkenau zu zwölft oder zu sechzehnt, auf Holzpritschen eingepfercht, in einer Pferdestallbaracke schlafen mußten.

In Monowitz gab es außerdem mittags eine heiße Wasserbrühe, in der ab und zu ein Gemüsestückchen oder sogar ein Fettauge schwamm. Heute würde man sagen, daß selbst eine Abwasserbrühe besser schmeckt, aber damals war es zumindest etwas Warmes am Tage, wohingegen man in Birkenau um fünf Uhr morgens bis 18 Uhr abends mit einem Napf schwarzer Flüssigkeit, Kaffee genannt, auskommen mußte.

Aber nicht deswegen eigentlich wurde Monowitz "Sanatorium" genannt. Viel wichtiger war, daß in Monowitz die "Roten regierten". Nein, das "rot" hatte im Lager eine völlig andere Bedeutung als heute, obwohl auch damals schon echte "Rote" unter ihnen waren.

Die "Roten" waren im Häftlingsjargon diejenigen, die den roten Winkel als Kennzeichen dafür trugen, daß sie politische Häftlinge waren. Daneben gab es beispielsweise die mit einem schwarzen Winkel, das waren die sogenannten Asozialen, die mit violettem Winkel Priester und Bibelforscher, die mit rosa Winkel, das waren Homosexuelle, und so weiter und so weiter.

In den meisten Lagern standen in der Häftlingshierarchie allerdings die "Grünen" an der Spitze: Mit dem Winkel nach unten, waren sie die sogenannten "BVer", die Berufsverbrecher, die den anderen Häftlingen aber immer noch lieber waren (da sie gleichsam einen Ganovenkodex und eine Ganovenehre besaßen) als die "SVer", die Sicherungsverwahrungshäftlinge, unter denen sich die schlimmsten Sadisten und Gewalttäter befanden, die eine teuflische Freude an Gewalt und Folter hatten. Diese SVer waren noch um einiges schlimmer - und dazu wollte schon etwas gehören, aber ich habe es am eigenen Leib erfahren - als die SS-Schergen, und wo sie im Lager herrschten, da war es besonders schlimm.

Zeugnis für den Massenmord: Koffer von Opfern des Konzentrationslagers Auschwitz, in der Ausstellung der Gedenkstätte Auschwitz in Polen. Foto: ddp

Max...

Die Erinnerungen übermannen mich, die Gedanken laufen davon und über Max immer noch kein Wort. Aber es geht nicht anders. Man muß die Zeiten und die Umstände kennen, unter denen wir uns kennengelernt haben, um die Freundschaft zwischen uns beiden zu verstehen.

Max war für mich, war für uns alle ein "alter Häftling". Er war ein alter "Sachsenhäuser". "Sag’ mir, was für eine Nummer du auf dem Arm hast, und ich sage dir, woher dein Transport stammt...": Aus Buchenwald kamen die Achtundsechzigtausender, aus Sachsenhausen die Neunundsechzig- und Siebzigtausender. Sie kamen nach Monowitz, bauten das Häftlingslager auf, und wer von ihnen die erste Zeit überhaupt überlebte, der etablierte sich irgendwo in der "Häftlingshierarchie", der gehörte zur "Häftlingselite", und der konnte, wenn er wollte, den "Neuen" im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten schon ein wenig helfen. Zwar konnte er nicht allen helfen, aber es waren nicht wenige, die dank der Hilfe solch eines "Alten" überlebten. Auch ich gehöre dazu.

Max...

Wie genau habe ich ihn kennengelernt? War es durch Sigi Halbreich, den Blockältesten vom "Krätzeblock", war es durch Leo Hauser, den Arzt, der später an der Charité in Berlin tätig war, unser beider so guter Freund? Oder war es durch Sigi Freund oder Herman Feder, Herman, dem ich soviel, wirklich soviel zu verdanken habe? Nein, beim besten Willen, ganz genau kann ich mich wirklich nicht mehr erinnern.

Max...

Ich glaube, ich habe ihn durch meine Kumpels aus dem "Betonkommando" kennengelernt, durch die alten Sachsenhäuser Natan Weissmann aus Lodz, den "Beton-Kapo", durch Janek Großfeld aus Krakau und Leo Diamant aus Gelsenkirchen.

Diesen dreien verdanke ich mein Leben; sie halfen mir in den ersten schweren Tagen in Auschwitz, sie nahmen mich aus dem "Kieskommando Nr. 9", wo tagtäglich abends die Hälfte aller morgens ausgerückten Häftlinge nicht mehr zurückkam und "besorgten" mir einen Platz im Kommando 79 (Schlosser), später in Kommando 26 (Technisches Lager), wo die Arbeit nicht ganz so kräftezehrend war und man immerhin die Hoffnung haben konnte, abends überhaupt wieder ins Lager zurückzukommen.

Und es war Natan, der den Schusterkapo Herman Feder gebeten hatte, für mich ein bißchen Essen von außerhalb in einem Henkelmann mitbringen zu lassen. Das Schusterkommando arbeitete außerhalb in einem chemischen Kombinat und wurde auch dort verpflegt. Das Essen dort war Essen und nicht das, was es unter dieser Bezeichnung im Lager gab.

Natan, Janek und Leo haben die Freiheit nicht mehr erlebt. Sie wurden im Herbst 1944 auf dem Appellplatz im Lager gehenkt. Sie hatten einen Fluchtversuch gewagt, als die Russen die Weichsel überschritten hatten und waren verraten worden - verraten von einem anderen Häftling, der damit den "Fluchtpunkt" von seinem Schwager aufheben wollte (Häftlinge, die bei einem Fluchtversuch geschnappt wurden und dabei am Leben blieben, mußten sich einen roten Fluchtpunkt auf ihre Sträflingskleidung nähen und durften auch zur Arbeit das Lager nicht verlassen). Vergeblich übrigens.

Natan, Janek und Leo starben wie Helden. Ihre letzten Worte, die sie - den Strick schon um den Hals - herausschrien, waren: "Kopf hoch, Kameraden! Wir sind die letzten!" Leider waren es nicht die letzten; es folgen noch viele, sowohl auf dem Appellplatz als auch später, auf dem Todesmarsch von Auschwitz nach Gleiwitz.

Max...

Die Erinnerungen drängen immer heftiger und schneller aufs Papier - und noch immer kein Wort von Max. Meine Erinnerungen überwältigen mich, wenn ich an diese Zeiten denke - und an Max. Und die Erinnerungen, einmal da, lassen einen nicht frei, sie überkommen einen, übermannen einen, man kann sie nicht vergessen, verdrängen, aus dem Gedächtnis löschen...

Max...

Max war der ruhende Pol für viele, viele Kameraden im Lager. Alle von den "Politischen", von den alten Buchenwalder und Sachsenhäuser Häftlingen kamen zu Max, wenn sie deprimiert, verzweifelt, ratlos waren. Er wußte fast immer einen Rat. Er wußte wie, wo, mit wem...

Im Lager gab es so etwas wie zwei Arten von Häftlingen: Da waren einerseits die Masse der Ausgehungerten und Ausgemergelten, Hoffnungslosen, die graue Masse der sogenannten Muselmänner, aber andererseits auch Häftlinge, die einen gewissen Einfluß besaßen. Und dann gab es da noch einen ganz gewöhnlichen Häftling, ohne irgendeine besondere Funktion - gab es da noch Max.

Was ihn auszeichnete, waren seine Ruhe, seine Vernunft, seine Güte, vor allem aber seine Menschlichkeit. Er war sicher nicht immer gut - aber er war immer menschlich. Man konnte sich auf ihn, auf seine Weisheit verlassen. Max wußte immer, wie man jemandem helfen konnte. Sei es, wie jemand etwas länger im KB (Krankenbau = Häftlingskrankenhaus) bleiben konnte, um ein bißchen zu Kräften zu kommen, sei es, was man sagen sollte, wenn die PA (Politische Abteilung = Lagergestapo) verfängliche Fragen stellte, oder sei es, daß er mit dem Ekel Gustl von der Bekleidungskammer sprach, um ein Paar Schuhe oder eventuell sogar einen Mantel für jemanden zu bekommen, den er unter seinen Fittichen hatte.

Max...

Herz, Verstand, Kameradschaft. Er gab Halt und Hoffnung - er war Mensch geblieben, menschlich in dieser unmenschlichen Zeit und unter diesen unmenschlichen Umständen.

Max...

Ich sehe ihn immer noch vor mir, am 20. Januar 1945, auf dem Appellplatz in Auschwitz. Damals, als der Todesmarsch begann.

Von dort marschierten wir zu Fuß, bei 20 Grad Minus, zuerst 40 Kilometer nach Mikolow, viele ohne Schuhe bei dieser eisigen Kälte, um dort in Scheunen zu übernachten, die noch eisiger waren, und dann am nächsten Tag weitere 30 Kilometer nach Gleiwitz. Diejenigen, die den Strapazen nicht gewachsen waren, und das waren viele, viele - sie blieben auf der Strecke, wurden durch einen SS-Schuß von weiteren Qualen "erlöst".

In Gleiwitz wurden wir bei unveränderten 20 Grad Minus auf offene Kohlenwaggons verfrachtet, um von dort eine tagelange Irrfahrt zu verschiedenen Konzentrationslagern anzutreten. Mauthausen wollte den Transport nicht, drei Tage und drei Nächte lang standen wir auf dem Güterbahnhof in Linz, ehe es über Sachsenhausen und Oranienburg nach Flossenbürg in der Oberpfalz ging.

Wie viele sind von den einhundertvierzig übriggeblieben, die jeweils in einem Waggon waren - dreizehn, vierzehn vielleicht...?

Max...

Damals auf dem Appellplatz in Auschwitz habe ich ihn das letztemal gesehen. Obwohl er den gleichen Weg wie ich durch die eisige Kälte gegangen ist, die gleiche qualvolle Fahrt nach Flossenbürg mitmachte und auch unter den wenigen war, die überlebten, habe ich ihn nicht mehr gesehen.

Aber wer sah auch noch etwas, wenn er zwischen steifgefrorenen toten Leibern in einem eisigen Kohlenwaggon steckte. Max. Wie gut es gewesen wäre, ihn in der Nähe zu wissen...

Max...

Ich habe ihn dann 20 Jahre lang nicht gesehen, nichts von ihm gehört, nichts von ihm gewußt. Getroffen habe ich ihn erst wieder in der Frankfurter Staufenstraße. Ihn und andere Buna-Häftlinge: Franz Unikower, Chaim Tysson, Alfred Jachmann, Sigi Freund, Heinz Kahn und wie sie alle hießen.

Seit dieser Zeit haben wir uns lange regelmäßig in Offenbach getroffen. Ein "Stammtisch" sozusagen, und in der Mitte wie früher - Max.

Max...

Mir kam es vor, als habe er sich seit damals überhaupt nicht verändert. An Gewicht zugenommen hatte er - an körperlichem, was kein Kunststück war, und auch an Einfluß -, aber er war dennoch der gleiche geblieben, der gleiche Max wie damals, mit offenen Armen, mit gutem Rat, mit Herz und immer hilfsbereit. Alle ehemaligen Buna-Häftlinge kamen zu ihm, bekamen von ihm Informationen, Hilfe, Beistand. Sie kamen aus USA, Polen, Israel, und sie kannten nur eine Adresse: Max Willner in Frankfurt.

Max...

Max... Max, ich bin froh darüber und stolz darauf, daß ich Dich meinen Freund nennen darf.

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