Ärzte Zeitung, 26.01.2005

Auschwitz - Metapher für das kaum beschreibbare Böse

Die Spirale des organisatorisch und technisch perfekten Tötens / Reflexionen eines Nachgeborenen

Etwa eine Million Menschen sind im Vernichtungslager Auschwitz gequält und ermordet worden. Juden, Sinti und Roma, Kriegsgefangene, Homosexuelle, Widerstandskämpfer. Auschwitz "hat wie kein anderes Ereignis das Denken und das kulturelle Empfinden des 20. Jahrhunderts beeinflußt. Es hat uns das Grauen vor Augen geführt, zu dem menschliche Existenz fähig sein kann," schreibt der Heidelberger Medizinhistoriker Professor Wolfgang U. Eckart. - Reflexionen eines Nachgeborenen über das kaum beschreibbare Böse.

Von Wolfgang U. Eckart

Baracken reihen sich an Baracken: Auschwitz (hier eine Luftaufnahme der britischen Royal Air Force) war das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Allein 1944 waren in Teillager Auschwitz-II-Birkenau über 90 000 Häftlinge interniert. Auschwitz war ein perfekt aufgebautes System des Todes. Über eine Million Menschen sind hier ermordet worden. Foto: dpa

Hatte Theodor Adorno Recht, als er 1966 in seiner "negativen Dialektik" provokant formulierte: "Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll"? Sicher in seiner Zeit! Paul Celan (1920 bis 1970) aber, der Lyriker, wies schon mit seiner "Todesfuge" (1948) darauf, daß auch nach dem Holocaust Kultur möglich ist, wenngleich unter gänzlich anderen Vorzeichen. Auschwitz, Auschwitz, Last des Wortes, Last der Tat.

Auschwitz, am 27. Januar 1945, vor 60 Jahren, von der Ersten Ukrainischen Front der Roten Armee erreicht, hat das Denken und kulturelle Empfinden wie kein anderes Ereignis dieses so innovativen und zugleich so gräßlichen 20. Jahrhunderts beeinflußt.

Es hat uns das Grauen vor Augen geführt, zu dem ideologisch verwirrte und kulturell heimatlos gewordene menschliche Existenz fähig sein kann. Auschwitz wurde zum "Urmeter", zur Meßlatte geplanter Vernichtungsgewalt an der humanen Kreatur. Alle Kultur nach Auschwitz ist zumindest für die Generationen des direkten und indirekten Miterfahrens fraglich geworden, der Ortsname selbst zur Metapher für das kaum beschreibbare Böse.

Die Soldaten der Roten Armee mußten den Ort des Quälens, Tötens und Sterbens, den sie am 27. Januar 1945 erreichten, nicht mehr heroisch befreien. Er drängte sich ihnen mit all seiner brutalen Häßlichkeit auf, fiel gleichsam in den Rockschoß der Sieger auf ihrem Weg nach Berlin. Die feigen Wachmannschaften, die Schinder, Mörder und Blutschergen der Waffen-SS hatten ihr Vernichtungslager längst Hals über Kopf verlassen.

Eine Woche zuvor, am 18. Januar schon, war der Todesmarsch der fast 60 000 noch gehfähigen Häftlinge des Schlachthauses Auschwitz in westliche Richtung von den uniform- und ordensgezierten SS-Gewalttätern angepeitscht und voran getrieben worden. Wenige nur überlebten. Etwa 7500 Kranke und Schwache blieben zurück, blieben im Niemandsland ohne Nahrung und Wasser zwischen den Fronten für mehr als eine Woche; man stopfte sich Schnee in den Mund, bevor die "Russen" kamen, und mit ihnen endlich Sanitäter, Ärzte und auch Journalisten, die das Grauen von Auschwitz in die Welt trugen.

Auschwitz war Ausbeutungs- und Vernichtungslager zugleich. Ausgelaugte Arbeitssklaven und von vornherein für nicht arbeitstauglich erachtete Frauen, Kinder und Männer, Kranke und Schwache, starben in den Zyklon-B-Gaskammern des Lagers und wurden danach in den Krematorien der Tötungsstätte verbrannt.

Was die Russen noch vorfanden, waren wenige schwache Zurückgelassene, gesprengte Verbrennungsöfen, vor allem aber Hinweise auf die Vernichteten: Tonnen von Menschenhaaren, von Brillen, von Prothesen, neue und abgetragene Schuhe der Opfer, mehr als 800 000 Frauenkleider und fast 350 000 Herrenanzüge, Überreste der Getöteten, Zeugnisse von Menschen mit Hoffnungen, Wünschen, Erwartungen und lustvollen Blicken in ihre Zukunft.

Auschwitz wurde zum Vernichtungslager, geplant war es als solches zunächst nicht. Das KL existierte seit 1940 und diente anfangs als geheime Internierungs- und Mordstätte für polnische, später auch für sowjetische Zivilisten und Soldaten. Zehntausende kamen dort um. In den Folgejahren änderten sich aber die Intentionen der Betreiber, und Auschwitz wurde zum Ausbeutungslager.

Gezwungene Arbeit besonders im Kunstkautschukwerk des benachbarten Monowitz preßte den Häftlingen die letzte Kraft aus den schwachen Körpern. Vor allem die I.G. Farben paktierte mit den SS-Unternehmern des Lagers und verwerteten die Körper der Lagerinsassen auf vielfältige Weise, zur Sklavenarbeit selbstverständlich, aber auch für medizinische Versuche bestialischster Art, wie sie mit freiwilligen Probanden nicht möglich gewesen wären.

Die damaligen Werke Bayer und Hoechst der I.G. Farben unterhielten intensive Kontakte und finanzierten Verbindungsärzte zu den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald. Besonders an der kriegswichtigen Sulfonamid-Forschung mit unfreiwilligen Probanden in Konzentrationslagern wie Auschwitz und Buchenwald war Bayer gelegen. Zu den Ausübenden der industriellen Forschungsausbeutung am Menschen gehörte eine Reihe von Bayer-Ärzten, unter ihnen etwa Dr. Hellmuth Vetter.

Auschwitz war die zentrale Vollstreckungsstätte für die "Endlösung der Judenfrage", die die braunen Machttechnokraten auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 besiegelt hatten. Erfahrung in vernichtenden "Endlösungs"-Fragen waren besonders bei der euphemistisch als "Euthanasie" apostrophierten Krankentötungsaktion gewonnen worden. Mehr als 75 000 Patienten hatten seit September 1939 in Kliniken und Anstalten des Reichs durch Giftspritzen, Auto- und Giftgas ihr Leben gelassen.

Im Sommer 1942 gab die für die Organisation des Krankenmordes verantwortliche Aktionszentrale "Tiergartenstraße 4" über 100 ihrer Verwaltungsspezialisten an die Vernichtungslager im besetzten Polen ab. Die ersten Kommandanten der Lager Belzec, Sobibor und Treblinka kamen aus der "T4" und wurden weiterhin von ihr bezahlt. Nur ein Jahr später waren bereits 2,4 Millionen europäischer Juden in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Beim Zusammenbruch der NS-Diktatur werden es annähernd sechs Millionen sein.

Die "Krankenmord-Aktion T4" ist vom millionenfachen Mord an der jüdischen Bevölkerung Europas nicht zu trennen, denn die Spirale des organisatorisch und technisch perfekten Tötens, die sich seit der Erprobung von Zyklon B im KZ Auschwitz am 3. September 1941 immer schneller zu drehen begann, hatte ihren Ausgang bei den Kohlenmonoxydvergasungen der Euthanasieaktion genommen. In Auschwitz selbst starben zwischen 1940 und 1945 über eine Million Menschen.

Gibt es eine Kultur nach Auschwitz? Ja, wir müssen Optimisten sein, das Leben in unsere Arme zu nehmen, zu unserer Aufgabe machen. Wir leben und arbeiten für das Leben, nicht für den Tod. Aber zu unserer neuen Kultur nach Auschwitz gehört auch Trauer, gehört auch Paul Celans "Todesfuge" (1948), die er nie selbst vortragen mochte, und die sich doch in unsere Herzen gebrannt hat; er hätte sie auch "Auschwitz" überschreiben können: "Schwarze Milch der Frühe, wir trinken sie abends, wir trinken sie mittags und morgens, wir trinken sie nachts, wir trinken und trinken, wir schaufeln ein Grab in den Lüften; da liegt man nicht eng". - Auschwitz ist auch in unserer Kultur allgegenwärtig.

Professor Wolfgang U. Eckart ist Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg. Seit langem setzt er sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinander. Er forscht und schreibt über die grausamen pseudo-medizinischen Versuche der NS-Ärzte, über Verstrickungen von Unternehmen wie der I.G. Farben in die Verbrechen im Namen der Medizin, über die perversen Rassen-Theorien der nationalsozialistischen Wissenschaftler, über die Morde an Kranken und Behinderten. Das Grauen, für das der Name Auschwitz steht, habe Denken und Empfinden seiner Generation verändert. Auschwitz sei auch heute noch allgegenwärtig, schreibt der Arzt und Historiker, der 1952 in Schwelm/Westfalen geboren wurde, in seinem Beitrag für die "Ärzte Zeitung" zum 60. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz durch russische Soldaten.

Topics
Schlagworte
Panorama (30661)
Organisationen
Bayer (1126)
Krankheiten
Kontrazeption (995)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »