Ärzte Zeitung, 03.02.2005

Ein Schiffsarzt wurde zum Gründervater der Ethnologie in Deutschland

Heute vor 100 Jahren starb der Berliner Arzt und Ethnologe Adolf Bastian / Begegnung mit Rudolf Virchow bestimmte seinen Lebensweg

Von Klaus Brath

Adolf Bastian, Porträt nach einem Holzschnitt, der 1860 in der "Gartenlaube" erschien.
Fotos (2): Ethnologisches Museum Berlin

So mancher Arzt gelangte weniger durch seine ärztliche Kunst, sondern auf anderem Gebiet zu Ruhm und Ehren - man denke nur an Friedrich Schiller (Literatur), Hermann von Helmholtz (Physik) oder Salvador Allende (Politik). Einem exotischen Fach hat der Arzt Adolf Bastian seinen Stempel aufgedrückt: Bastian ist der Begründer der akademischen Ethnologie in Deutschland. Heute jährt sich der Todestag des auf der Insel Trinidad gestorbenen Forschungsreisenden zum 100. Mal.

Der 1826 in Bremen geborene Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns studierte Medizin an den Universitäten Berlin, Jena, Prag und Würzburg, wo er bei Rudolf Virchow promovierte. Die Begegnung mit dem großen Pathologen und Anthropologen wurde wegweisend für Bastians Lebensweg. Von 1850 bis 1858 fuhr er als Schiffsarzt erstmals rund um den Globus. Nach der Rückkehr formulierte er im frühen Hauptwerk "Der Mensch in der Geschichte" seine wissenschaftlichen Ziele.

Zum Gründervater der Ethnologie in Deutschland erhoben ihn seine Verdienste um ihre Institutionalisierung. Sie prägen die Ethnologie teils noch heute. Nach seiner Habilitation in Geographie und Geschichte wurde Bastian 1871 an der Universität Berlin zum ersten außerordentlichen Professor der Ethnologie ernannt. Zusammen mit Virchow gründete er 1869 die Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte in Berlin, die erste ihrer Art in Deutschland. Mit der ebenfalls gemeinsam initiierten "Zeitschrift für Ethnologie" etablierten sie ein bis heute bestehendes Publikationsorgan.

Innenansicht des 1886 eröffneten "Königlichen Museums für Völkerkunde", das Adolf Bastian zu einer der weltweit führenden Institutionen seiner Art ausbaute.

Angesichts der expandierenden westlichen Zivilisation in die letzten Winkel der Erde hielt es Bastian für das Gebot der Stunde, die letzten Zeugnisse von zum Untergang verurteilten Kulturen zusammenzutragen. Als Direktor des "Königlichen Museums für Völkerkunde" baute er das 1886 in Berlin neu eröffnete Haus zu einer der weltweit führenden wissenschaftlichen Institutionen seiner Art aus.

Die von Bastian angeregten und teils selbst vorgenommenen Sammelaktivitäten bilden den Grundstock des heutigen "Ethnologischen Museums" in Berlin. Etwa 25 Jahre seines Lebens verbrachte Bastian auf neun weltweiten Forschungsreisen, deren reiches Beobachtungsmaterial er zwischen den Reisen in Berlin auswertete. "Kein deutscher Gelehrter ist mehr gereist, keiner hat mehr gelesen, keiner mehr geschrieben", schrieb Karl von den Steinen, der selbst Arzt war und von Bastian für die Völkerkunde gewonnen wurde, in seinem Nekrolog auf Bastian.

So umfangreich dessen publizistisches Werk auch war - eine Bibliographie von 1896 listet 70 selbständige, teils mehrbändige Werke, 236 Aufsätze und 363 Buchbesprechungen auf - gelesen wurde es kaum. "Zu unverständlich, zu weitschweifig", bemängeln Kritiker vor allem Bastians Spätwerk.

Bedeutung erlangte jedoch seine Lehre von den Elementar- und Völkergedanken. Ausgehend von der Annahme gleichartiger physischer Strukturen bei allen Menschen, leitete Bastian das Vorhandensein einer ebenfalls ursprünglichen psychischen Einheit ab. Damit glaubte er die Gleichmäßigkeit bestimmter Vorstellungen erklären zu können, die ihm auf seinen Reisen bei kulturell verschiedenen, auch räumlich weit voneinander getrennten Völkern aufgefallen waren - Gedankengänge, die in der Archetypenlehre Carl Gustav Jungs wieder anklingen.

Bastian befaßte sich auch viel mit neurologischen und psychiatrischen Phänomenen wie Besessenheit, Ekstase und Rauschmitteln, wollte aber von der praktischen Medizin nicht mehr allzuviel wissen. So erzählt Dr. Manuela Fischer vom Ethnologischen Museum in Berlin die überlieferte Anekdote, wonach Bastian auf einer Amerikareise aufschreckte: "Da haben sich Patienten angekündigt, ich muß abreisen" waren seine Worte, bevor er tatsächlich Reißaus nahm. Auch mancher Ehrung seiner Person entging der unverheiratete Eigenbrötler und Asket durch plötzliche Abreise.

Vom 25. bis 27. Februar steht der wunderliche Gelehrte und Humanist erneut im Mittelpunkt. Eine Kabinettausstellung im Ethnologischen Museum widmet sich Bastians Verdiensten und seinem Einfluß auf die Gestaltung des Berliner Museums. Zudem würdigen dort Bastian-Forscher aus aller Welt dessen Person, Wirken und Nachwirkung auf einem Symposium.

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