Ärzte Zeitung, 16.02.2005

"Manchmal wünschte ich mir, es hätte mich selbst erwischt"

Etwa jeder sechste im Irak eingesetzte US-Soldat kommt mit psychischen Problemen nach Hause, wie eine Heeresstudie ergeben hat

Von Gabriele Chwallek

US-Soldaten im Irak-Krieg. Viele leiden nach ihrer Rückkehr in die Heimat unter Depressionen, Schlafstörungen und Angstattacken. Foto: dpa

US-Sergeant Patrick R. vermeidet das Autofahren im dichten Straßenverkehr. Der Lärm macht ihn nervös und ruft blitzartige Fetzen der Erinnerung hervor - an Bomben, die am Straßenrand explodieren und seine Kameraden in Stücke zerreißen. Wenn er es nicht mehr aushält, schluckt der 24jährige, der anonym bleiben will, ein paar Pillen. "Manchmal wünschte ich mir, es hätte mich selbst erwischt", sagt der junge Amerikaner. "Dann wäre es wenigstens vorbei."

Patrick war im Irak im Einsatz und ist körperlich unversehrt in die Heimat zurückgekehrt. Aber er trägt unsichtbare Wunden wie viele andere Kriegsveteranen auch. Etwa jeder sechste im Irak eingesetzte US-Soldat kommt mit psychischen Problemen nach Hause, wie eine Heeresstudie ergeben hat. Das heißt, die Heimkehrer leiden unter Depressionen, Schlafstörungen, Angstzuständen und anderen posttraumatischen Streßsymptomen.

Und diese Zahlen sind nach übereinstimmenden Einschätzungen von Experten höchstwahrscheinlich noch stark untertrieben: Sie schätzen, daß am Ende bis zu 100 000 US-Iraksoldaten wegen psychischer Probleme behandelt werden müssen.

Experten vermuten, daß viele Betroffene schweigen

Die düsteren Prognosen stützen sich darauf, daß bei bisherigen Untersuchungen nur Soldaten erfaßt wurden, die vor der Heimkehr selbst über ihre Probleme berichteten. Experten vermuten aber, daß sich viele Betroffene über ihre Beschwerden ausschweigen, weil sie "nicht auffallen" wollen, denn das, so befürchten sie, könnte ihre bevorstehende Heimkehr verzögern.

Die bisherigen Statistiken berücksichtigen außerdem fast nur Soldaten, die in den ersten Monaten des Krieges und damit insgesamt für eine kürzere Zeit eingesetzt waren, als das heute bei den US-Streitkräften im Irak der Fall ist. Und nicht erfaßt wurden in der Heeresstudie Reservisten und Nationalgardisten, die etwa 40 Prozent der US-Soldaten im Irak ausmachen und als anfälliger für psychische Schäden gelten als Karriere-Berufssoldaten.

"Du vermutest an jeder Straße einen Hinterhalt"

Vor allem aber hat der andauernde Aufstand im Irak einer wachsenden Zahl von Soldaten "hautnahe blutige Kriegserfahrungen gebracht, mit denen wir nicht gerechnet haben", wie Patrick es formuliert. "Du fühlst dich nie sicher, siehst überall den Feind lauern, vermutest an jeder Straße einen Hinterhalt oder eine versteckte Bombe, und du weißt, es kann dich selbst treffen oder deinen Freund oder auch eine Frau und ein Kind."

"Es wird ein Zug einfahren, der mit Menschen überfüllt ist, die für die nächsten 35 Jahre Hilfe brauchen", zitierte die "New York Times" unlängst Stephen Robinson vom National Gulf War Research Center, einer unabhängigen Einrichtung. Er meint, daß das US-Militär auf die Flut von behandlungsbedürftigen Soldaten völlig unzureichend vorbereitet ist, weil kaum jemand mit den zusätzlichen Belastungen durch länger dauernden Einsatz und blutigen Aufstand gerechnet hat.

Schon jetzt klagen Spezialisten in vielen Veteranenkliniken, daß sie die Grenze ihrer Kapazitäten erreicht hätten. Suchten 2003 etwa 1100 Irakheimkehrer in den Kliniken der US- Behörde für Veteranen-Angelegenheiten Hilfe wegen psychischer Probleme, waren es 2004 schon über 11 000. Insgesamt wurde bis Ende 2004 bei 23 Prozent der Irakheimkehrer, die in diesen Einrichtungen behandelt wurden, posttraumatisches Streßsyndrom festgestellt, berichtete die "Los Angeles Times".

Der "New York Times" zufolge hat das Heer bis September 2004 fast 900 Soldaten wegen psychischer Probleme nach Hause geschickt, darunter mehrere, die mit Suizid gedroht oder diesen bereits versucht hatten. Mindestens 30 im Irak eingesetzte Soldaten haben sich umgebracht.

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