Ärzte Zeitung, 24.03.2005

"Ich habe den Sinn meines Lebens darin gesehen, anderen zu helfen"

Vor 100 Jahren wurde der Wiener Arzt und Philosoph Viktor Frankl geboren / Begründer der Logotherapie

Viktor Frankl hält eine Vorlesung an der Neurologischen Poliklinik in Wien (1966). Fotos: Viktor Frankl-Institut, Wien

Von Klaus Brath

Im Alter von 89 Jahren: Viktor Frankl im Jahr 1994. Foto: Katharina Vesely

Deutsche Erstausgabe von Frankls Erfolgsbuch.
Seine Leidenschaft war der Klettersport: Viktor Frankl in den frühen 50er Jahren.

Sein Vater starb im KZ Theresienstadt, Mutter und Bruder kamen in Auschwitz um, seine erste Frau im KZ Bergen-Belsen. Und trotzdem bekannte Viktor E. Frankl, der selbst in vier Konzentrationslagern inhaftiert war: "Ich habe den Sinn meines Lebens darin gesehen, anderen zu helfen, in ihrem Leben einen Sinn zu sehen."

Frankls Botschaft wurde offenbar als glaubwürdig verstanden. Allein von seinem Buch "Man’s Search for Meaning" (deutsch unter dem Titel "...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager") erschienen weltweit über neun Millionen Exemplare. Und die von Frankl begründete "Logotherapie" etablierte sich - nach der Psychoanalyse Sigmund Freuds und der Individualpsychologie Alfred Adlers - als "dritte Wiener Schule der Psychotherapie."

Am 26. März vor 100 Jahren in Wien geboren, fand Frankl bereits früh in der Auseinandersetzung mit den Pionieren der Tiefenpsychologie zu seiner Berufung. Als Jugendlicher korrespondierte er mit Freud, wandte sich jedoch während seines Medizinstudiums Adler zu, bis er von diesem 1927 wegen Unorthodoxie aus der Gesellschaft für Individualpsychologen ausgeschlossen wurde.

In der Folgezeit begründete Frankl die Existenzanalyse und Logotherapie, in der er die Sinnorientiertheit des Menschen in den Mittelpunkt stellte. Nicht das Streben nach Lust, wie Freud meinte, nicht das Streben nach Macht, wie Adler dachte, sondern der Wille zum Sinn (logos) sei die wesentliche Antriebskraft des Menschen.

Bleibe dieses existentielle Bedürfnis nach Sinngebung unerfüllt, entstünden Störungen, weshalb Frankl auch von geistig bedingten oder "noogenen" Neurosen sprach. Frankl hielt das Leiden an der Sinnlosigkeit für die Massenneurose unserer Zeit, dem er mit Methoden der Selbst-Transzendenz und Selbst-Distanzierung begegnete.

Auch unkonventionelle, von ihm selbst neu eingeführte Techniken gehörten zu seinem therapeutischen Repertoire. So vertraute er etwa in der Behandlung von Angststörungen der "paradoxen Intention." Dabei wird der Patient dazu aufgefordert, sich genau das zu wünschen, was er befürchtet. Dadurch gelinge es ihm, sich von seiner neurotischen Angst zu distanzieren.

Mit seinem Ansatz bereicherte Frankl, der laut seinen "Lebenserinnerungen" (1995) bereits im Alter von drei Jahren entschlossen war, Arzt zu werden, nicht nur die Psychotherapie, sondern gab auch Impulse im Sinne einer Humanisierung der Medizin. "Arzt sein wollen", so schrieb der glänzende Rhetoriker etwa in "Der leidende Mensch" (1990), "kann einer nur um der Person willen, deren Organismus krank ist. Ich behandle nicht um des Organismus willen, sondern den Organismus um der Person willen."

Frankls Theorien um Sinnerfüllung und Lebensbejahung waren zwar stark von europäischem, religiös-philosophischem Gedankengut geprägt, seine größte Anhängerschaft fand der in 31 Sprachen übersetzte Autor und Arztphilosoph, dessen große Leidenschaft der Klettersport war, jedoch in den USA und Lateinamerika.

Zu Frankls 100. Geburtstag finden weltweit Veranstaltungen, Fachkongresse und Ausstellungen zu seinem Leben und Wirken statt.

Eine Übersicht dazu findet sich auf der Homepage des Viktor Frankl-Institus in Wien: http://logotherapy.univie.ac.at/d/meldungen_ww.html

Die Stationen des Viktor Frankl

  • 26. 3. 1905 Geburt als Kind einer jüdisch-bürgerlichen Familie in Wien
  • Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre Arbeit in Jugendberatung und Selbstmordverhütung
  • 1930 Promotion in Medizin; danach Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie
  • 1933 bis 1937 Leitung des "Selbstmörderinnenpavillons" im psychiatrischen Krankenhaus "Steinhof" in Wien
  • 1940 Leitung der neurologischen Station am jüdischen Rothschild-Spital in Wien
  • 1942 Deportation ins KZ Theresienstadt
  • 1945 (nach Inhaftierung in drei weiteren Konzentrationslagern) Befreiung durch die US-Armee
  • 1946 bis 1971 Chefarzt der Wiener Neurologischen Poliklinik
  • 1949 Promotion in Philosophie
  • 1970 Professur für Logotherapie an der Universität von San Diego (Kalifornien)
  • 1997 29. Ehrendoktorat
  • 2. 9. 1997 Tod in Wien

    Topics
    Schlagworte
    Panorama (30166)
    Krankheiten
    Angststörungen (420)
    Personen
    Klaus Brath (49)

    Schreiben Sie einen Kommentar

    Überschrift

    Text

    Sind Computer bald die besseren Therapeuten?

    Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »

    Kollege Computer, übernehmen Sie!

    Eine computer-basierte Verhaltenstherapie kann Insomnie-Patienten den Schlaf zurückgeben. Der Erfolg ist ähnlich gut wie durch menschliche Therapeuten, bescheinigt ein kalifornischer Professor. mehr »

    Kein frisches Geld in Sicht

    Die umfassende Studien-reform soll zunächst ohne zusätzliches Geld auskommen. Darauf haben sich Bund und Länder geeinigt, wie aus dem vertraulichen Papier hervorgeht. mehr »