Ärzte Zeitung, 09.05.2005

"Außerdem bin ich willens, förmlich Doktor zu werden"

Heute vor 200 Jahren starb Friedrich Schiller / Seine erste Dissertation in Medizin wurde abgelehnt, trotzdem hielt er an seinem Berufswunsch fest

Das Denkmal des Dichters Friedrich Schiller vor dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Auch nach seinen ersten großen Erfolgen als Dramatiker hielt Schiller an seinem Entschluß fest, später den Beruf eines Arztes auszuüben. Fotos: dpa

Von Friedrich Hofmann

Friedrich Schiller als 44jähriger nach einem Gemälde von Simenowitz.

Die Totenmaske Schillers, abgenommen am 9. Mai 1805 in Weimar.

Als seine Dissertation über die "Philosophie der Physiologie" von den Prüfern der Akademie verworfen worden war, war der junge Medizinstudent außer sich vor Enttäuschung; denn es war nicht etwa der Inhalt, der den Autoritäten zu schaffen machte, sondern die Kritik am Landesherrn Karl Eugen, der die Akademie in Stuttgart als sein Lieblingskind betrachtete und nun über den unbotmäßigen Studenten außerordentlich erbost war.

Ein Jahr später - der Jungmediziner Friedrich Schiller hatte zwei weitere Arbeiten vorgelegt - war der ganze Frust vergessen, und der weitere Werdegang schien in allen Einzelheiten vorgezeichnet.

"Ich habe keine andere Aussicht, als in meinem Fach zu arbeiten"

"Ich habe einmal in der Welt keine andere Aussicht", schrieb der 21jährige Schiller seinem Freund Wilhelm Petersen, "als in meinem Fach zu arbeiten." Und weiter: "...ich suche meine Beschäftigung in einem Amt, wo ich meine Physiologie und Philosophie durchstudieren und nützen kann, und wenn ich etwas draußen schreibe, so ist es in diesem Fache..."

In der Tat hatte sich Schiller im Anschluß an seine gescheiterte Dissertation mit einer theoretischen Arbeit ("Über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen") und einer praktischen Arbeit ("Über den Unterschied der entzündlichen und der faulen Fieber") mit dem schon im Altertum virulenten Thema der Verbindung von Physis und Psyche auseinandergesetzt.

Mit der Betrachtung über die Pathogenese von fieberhaften Erkrankungen hatte er sich aber auch ein "handfestes" Thema ausgesucht, das für den Herzog als obersten Militärherrn außerordentlich wichtig war. Unter der Kapitelüberschrift "Geistiges Vergnügen befördert das Wohl der Maschine" (des Körpers, Anm. d. Verf.) äußerte sich Schiller über den Stellenwert der Psyche bei Erkrankungen, die pharmakologisch nicht zu beeinflussen sind.

Daß er allerdings seine Thesen mit einem Zitat aus dem scheinbar englischen Stück "Life of Moor, Tragedy by Krake, Act. V., Sc.1" untermauert, ist schon ein rechtes Bubenstück; denn dabei handelt es sich nicht um ein fremdes, sondern um ein eigenes Werk, nämlich einen Auszug aus "Die Räuber", das gerade im Entstehen begriffen ist: "Und Krankheit verstört das Gehirn", läßt er Franz Moor in der zitierten Szene sprechen und hinzusetzen: "und brütet tolle, wunderliche Träume..."

Warum Schiller sich schließlich der Literatur zuwandte und außer Landes ging, ist hinlänglich bekannt: Die Differenzen mit dem schwäbischen Herzog erschienen ihm unüberbrückbar - und die Alternative, im liberalen Baden zu wirken zu verlockend.

Gleichwohl hielt Schiller (und das ist weniger bekannt) auch nach der stürmisch gefeierten Uraufführung in Mannheim am 13. Januar 1782 an seinem Plan fest, Arzt zu bleiben. Und selbst als "Kabale und Liebe" fertiggestellt war und der "Don Carlos" Gestalt annahm, legte er sich in einem Brief an den Mannheimer Theaterintendanten Wolfgang von Dalberg eindeutig fest: "Über meinen Entschluß, Mediziner zu werden, und meinen bis dahin einschlagenden Plan muß ich mündlich mit Eurer Exzellenz reden, denn in einem Brief kann ich das nicht erschöpfen. So viel kann ich indessen... versichern, daß der Entschluß fest ist und daß ich schon zu dem Ende gehandelt habe."

Noch ein Jahr später notiert er: "Außerdem bin ich willens, vorzüglich durch meines guten Herzogs Mitwirkung, förmlich Doktor zu werden, weil ich doch einmal ausstudiert habe..."

Tuberkulose zersetzte die Nieren und vereiterte das Herz

Vier Jahre später ist Schiller seinem geheimen Lebensziel, Universitätsprofessor zu werden, endlich ganz nahe gekommen. Doch an der Uni Jena spricht er zu seinen Zuhörern nicht als Ordinarius der Medizin, sondern als Geschichtsprofessor. Und wenn in der Folge die Medizin noch überhaupt eine Rolle in Schillers 16 letzten Lebensjahren spielt, dann nur, weil er regelmäßiger ärztlicher Behandlung bedarf.

Seine Lungen- und Nierentuberkulose, an der er letztendlich am 9. Mai 1805 stirbt, hat zu derart tiefgreifenden Krankheitserscheinungen geführt, daß der Pathologe, der den Dichter seziert, eine völlig vereiterte Lunge findet, an Stelle des Herzens einen "kleinen, schlaffen Beutel", eine in Auflösung begriffene Gallenblase und "fast völlig zersetzte" Nieren. Das Fazit des Fachkollegen: Man müsse sich wundern, daß Schiller überhaupt so lange habe überleben können.

Die "thierische" und geistige Natur des Menschen

Über das Zusammenwirken von Seele und Körper schreibt Schiller in seiner Dissertation "Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen": "Also eine Empfindung, die das ganze Seelenwesen einnimmt, erschüttert in ebendem Grade den ganzen Bau des organischen Körpers. Hirn, Adern und Blut, Muskelfasern und Nerven, von jenen mächtigen wichtigen, die dem Herzen den lebendigen Schwung der Bewegung geben bis hinaus zu jenen unbedeutenden geringen, die die Härchen der Haut spannen, nehmen daran teil..." Wie eine Vorwegnahme der Freudschen Psychoanalyse und der psychosomatischen Medizin klingt das, was Schiller über Herzkranke und Patienten schreibt, die an nervösen Darmstörungen leiden:

"Wahr ist, daß die Freude das Nervensystem in lebhaftere Wirksamkeit setzen kann, als alle Herzstärkungen, die man aus Apotheken holen muß, und selbst inveterierte Stockungen in den labyrinthischen Gängen der Eingeweide, die weder die Rubia durchdringt, noch selbst der Merkur durchreißt, durch die sie zerteilt worden sind." (FHV)

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