Ärzte Zeitung, 27.06.2005

"Wir wollen, daß der Wiederaufbau endlich ins Rollen kommt"

Viele Bewohner der vom Tsunami am schlimmsten betroffenen Region in der indonesischen Provinz Aceh leben noch immer in Zelten

Ein Bewohner des Fischerdorfes Lam Teungoh in Aceh steht vor einigen fast fertiggestellten Häusern. Foto: dpa

Von Frank Brandmaier

Seinen beschaulichen Namen trägt Meunasah Bak Ue schon lange nicht mehr zu Recht. "Umgebung der Kokospalme" heißt das Dörfchen. Doch Bäume stehen dort, eine halbe Autostunde von der Provinzhauptstadt Banda Aceh entfernt, seit dem 26. Dezember 2004 nicht mehr, auch keine Häuser. Die Tsunami-Welle riß alles mit sich; von den einst 1100 Bewohnern überlebten 370. Viele sind zurückgekehrt, doch ein richtiges Dach über dem Kopf hat auch sechs Monate später niemand. "Wir sind es so leid, in Zelten zu leben", sagt ein Dorfbewohner. "Wir brauchen jetzt wirklich Häuser, völlig egal, ob aus Holz oder Stein."

Nicht nur in Meunasah Bak Ue, vielerorts in Aceh wächst der Unmut. "Wir wollen, daß der Wiederaufbauprozeß jetzt endlich ins Rollen kommt. Die Menschen haben schon zu lange gewartet", räumt Sudirman Said ein, einer der fünf Vizedirektoren der neuen Wiederaufbauagentur für Aceh (BRR). Die Behörde mit Sitz in Banda Aceh hat eine Schlüsselstellung inne, denn sie entscheidet, welches Projekt grünes Licht bekommt. 50 bis 60 Experten internationaler Wirtschaftprüfungsfirmen sollen im Auftrag der BRR darauf achten, daß kein Geld durch Korruption in dunklen Kanälen verschwindet.

Bis Anfang Juni winkte die Agentur Wiederaufbauprojekte im Umfang von etwa 1,8 Milliarden US-Dollar durch. Vorschußlorbeeren erhielt die BRR von prominenter Stelle: Der frühere US-Präsident Bill Clinton nannte das Konzept bei einem Besuch in Aceh das effektivste in der gesamten vom Tsunami verwüsteten Region. Agenturdirektor Kuntoro Mangkusubroto eilt zudem der Ruf voraus, absolut unbestechlich zu sein.

Mit Blick auf kritische Kommentare, weshalb der Wiederaufbau in Aceh auch ein halbes Jahr nach der Katastrophe noch nicht allzu weit gekommen ist, verweisen Helfer immer wieder auf das unvorstellbare Ausmaß der Zerstörung. Mehr als 164 000 Tote oder Vermißte werden allein an der Nordspitze Sumatras gezählt, so viele wie in keiner anderen Tsunami-Region. 70 Prozent der Verwaltungsangestellten sind tot. Monatelang lagen keine Pläne von Leitungen oder Grundbucheinträge vor. Allmählich aber setzten Helfer und Behörden die Puzzleteile wieder zusammen.

Einiges ist schon geschehen, auch durch deutsche Hilfe: So säuberte das Technische Hilfswerk (THW) etwa 400 Brunnen und sanierte - mit Spenden des Deutschen Fußballbunds - elf Gebäude der schwer getroffenen Zentralklinik in Banda Aceh und legte dort 1,2 Kilometer Wasserleitung. Doch bleibt die Aufgabe gewaltig: Schätzungen zufolge müssen in Aceh 70 000 bis 100 000 Häuser repariert und 120 000 neu gebaut werden. "Es hängt jetzt von den Fähigkeiten des Landes ab, genügend Arbeitskräfte und Material zur Verfügung zu stellen", sagt THW-Einsatzleiter Ralf Pahlmann.

Inzwischen haben sich sechs Hilfsorganisationen gefunden, die im Unterbezirk Leupung, wozu auch Meunasah Bak Ue zählt, 1025 Häuser bauen wollen, 150 davon plant das THW mit Spenden aus dem Saarland zu errichten. Dazu sollen sich Schulen und kleine Kliniken gesellen. "Wir hoffen", sagt Unterbezirkschef Teuku Gunawan, "daß dann das Leben für die Menschen besser sein wird als vor dem Tsunami."

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