Ärzte Zeitung, 20.07.2005

Ein leerer Pillen-Blister verdeckt den leeren Blick

"Psychiatrie in Afrika - fotographische Erkundungen", eine Ausstellung im Heidelberger Prinzhorn-Museum

Von Ingeborg Bördlein

Einblicke in die Welt psychiatrisch erkrankter Menschen in Afrika eröffnet derzeit eine Fotoausstellung im Heidelberger Prinzhorn-Museum. Die Bilder zeigen zum einen psychisch kranke Menschen in ihrer Umgebung, zum anderen wird auf sie als Individuen fokussiert.

Ein Junge aus Benin hat aus einem Blister, der früher Psychopharmaka enthielt, eine Brille gebastelt - eines der verstörenden Bilder der Heidelberger Schau.

Ausgestoßen: James Mollisons Foto "Léonie", entstanden 2001 in der Elfenbeinküste.
Fotos: Sammlung Prinzhorn

Ins Auge fällt die Spannweite der therapeutischen Optionen von martialisch anmutenden afrikanischen Heilritualen über die Elektroschocktherapie bis hin zur Gabe von Neuroleptika.

Kaleidoskop unterschiedlicher Blickwinkel auf die Psychiatrie

Die Fotographien sind zu unterschiedlichen Zeiten - vor 20 bis 30 Jahren und zu Anfang dieses Jahrtausends - von verschiedenen Fotographen und an wechselnden Orten in West- und Südafrika entstanden.

So ergibt sich ein Kaleidoskop unterschiedlichster Blickwinkel auf die Situation psychisch Kranker in Afrika. Die Bilder haben keinen erklärenden Charakter, sie bilden lediglich ab und sind durchaus als ästhetisch zu bezeichnen.

"Mary-Jane" nennt Dave Southwood sein Foto, das eine Psychiatrie-Patientin aus Südafrika zeigt. Diese Fotografie aus den 1970er Jahren zeigt ein sogenanntes Psychiatrie-Dorf im Senegal.

Zu sehen sind schwarze Menschen mit sinnentleerten Blicken, an Bäumen angekettet am Boden kauernd oder in der Gosse liegend. Andere Bilder zeigen die Kranken umsorgt von Familienangehörigen und Pflegenden in "psychiatrischen Dörfern", die als Symbiose zwischen traditionellen afrikanischen Therapieformen und moderner westlicher Psychiatrie eingerichtet wurden.

Einige Aufnahmen sind fremd und anrührend zugleich

Besonders beeindruckend sind jene Aufnahmen, welche farbenprächtig aufgeputzte Heiler oder seltsame Rituale während einer Heilungszeremonie zeigen. Befremdlich und anrührend zugleich ist das fotografische Porträt eines kleinen Jungen, der eine sonderbare Brille trägt, nämlich ein Blister, aus welchem die Psychopharmaka herausgedrückt waren.

Der Museumsleiter der Heidelberger Sammlung, Dr. Thomas Röske, will mit der Fotoausstellung den Versuch einer Annäherung an die Psychiatrie in Afrika wagen.

Die Fotographin Leonore Mau (geboren 1916) unternahm seit 1962 zusammen mit dem Schriftsteller Hubert Fichte viele Reisen nach Westafrika, um vor allem in Benin, Togo und Senegal psychisch Kranke in sogenannten psychiatrischen Dörfern und in ihren dörflichen Lebensgemeinschaften aufzusuchen. Die dabei entstandenen Bilder sind zusammen mit "ethnopoetischen" Berichten erst kürzlich in dem Foto- und Textband "Psyche" im S.Fischer Verlag veröffentlicht worden.

Von fremdartiger Ästhetik sind die Utensilien für Heilungsrituale, die Mau auf dem Zaubermarkt in Togo fotographiert hat: Affenschädel, Vogelbälger, Metallglocken, Löwenfelle, Zahnstocher und Holzpenisse...

Im Kontrast dazu hält sie eine Elektroschocktherapie bildlich fest, die an der Psychiatrischen Abteilung der Universitätsklinik in Fann bei Dakar im Senegal vorgenommen wurde.

Bilder von angekettenen und eingesperrten Patienten

Zwei afrikanische Fotographen, Dave Southwood und James Mollison, haben psychisch Kranke in Südafrika und an der Elfenbeinküste ins Visier genommen. Die perfekt gestalteten und zugleich abstoßenden Fotographien wurden in einer Sondernummer "Madness" der italienischen Zeitschrift "Colors" im Jahre 2001/02 veröffentlicht.

Die Fotographen fokussierten stark auf die Individuen und schufen Bilder von angeketteten und aus der Dorfgemeinschaft verstoßenen Menschen an der Elfenbeinküste und von eingesperrten delinquenten Psychiatriepatienten in der Nervenklinik Valkenberg bei Kapstadt.

Eine schöne Ergänzung der Ausstellung sind Aquarelle und Gemälde von Psychiatriepatienten aus der Sammlung Prinzhorn. Sie zeigen die Sehnsucht der Anstaltsinsassen nach exotischen Welten und dem fernen Afrika.

Die Ausstellung "Psychiatrie in Afrika - fotographische Erkundungen" ist noch bis zum 9. Oktober in der Sammlung Prinzhorn, Voßstr. 2, in Heidelberg zu sehen. Info unter www.prinzhorn.uni-hd.de

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