Ärzte Zeitung, 19.07.2005

Noch vom Krankenbett aus organisierte deutsche Ärztin Hilfe für Tsunami-Opfer

Dr. Miriam Beer aus Konstanz erlitt bei der Katastrophe selbst schwere Verletzungen

Dieser Junge benötigt eine neue Brille. Das Hilfsprojekt für Sri Lanka startete bereits vor der Tsunami-Katastrophe. Fotos: privat

Von Marion Lisson

Den Tsunami an Weihnachten 2004 hat Dr. Miriam Beer mit viel Glück überlebt. Die Augenärztin aus Konstanz saß gerade gemütlich beim Frühstück in Tangalle im Süden Sri Lankas, als das Wasser mit voller Wucht in ihre Küche eindrang.

Der Kühlschrank wurde rausgespült, Beer von den Wassermassen mitgerissen. An dem Ast eines Baumes fand die Medizinerin draußen notdürftig Halt, konnte sich dort trotz ihrer Verletzungen festklammern. Sie überlebte.

Im Krankenhaus in Colombo wurde sie operiert. Ihr Bein war an Ober- und Unterschenkel aufgerissen. Noch von ihrem Krankenhausbett aus versuchte die 38jährige ein Soforthilfeprogramm für die Menschen vor Ort zu organisieren. 600 000 Euro und 20 000 Brillen hat die Augenärztin bereits durch Spenden aufgetrieben. 300 000 Euro sind schon ausgegeben.

"Wir haben zehn Häuser errichtet, 50 kleine und große Boote für die Fischer gekauft und 100 Fahrräder aufgetrieben. Wir haben außerdem ein Grundstück von 40 000 Quadratmetern vor Ort erstanden. Dort soll ein Heim für Kinder entstehen, die bei dem Unglück ihre Eltern verloren haben. Ebenfalls geplant ist hier eine Siedlung für Menschen, denen die Flutkatastrophe ihre Wohnung und ihren Besitz genommen hat. Sie brauchen dringend Hilfe", berichtet Beer, die in Konstanz in einer Gemeinschaftspraxis arbeitet.

Die Augenärztin Dr. Miriam Beer untersucht die Sehstärke eines Jungen. Die Konstanzerin hilft Menschen in Sri Lanka.

Die Medizinerin kennt die Menschen vor Ort, sie hat hier Freunde und Helfer gefunden. Das macht es vielen spendewilligen Menschen leichter, ihr Geld für Hilfsmaßnahmen anzuvertrauen. "Es haben auch Kollegen ihre Hilfe angeboten und sind bereit, im Krankenhaus vor Ort Operationen vorzunehmen", sagt sie im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Beer hilft Menschen vor Ort nicht erst seit dem schrecklichen Ereignis. Zum ersten Mal reiste die Augenärztin als Touristin im Februar 2003 nach Tangalle. Während ihres Urlaubs sah sie fernab der Touristenströme die Armut und erkannte die augenärztliche Unterversorgung. Beer handelte prompt.

Im Juni 2003 kehrte sie nach Tangalle zurück und behandelte ihre ersten Patienten. Noch im selben Jahr gründete sie den Verein "Augenlicht für Ceylon", der seitdem Spenden organisiert. Bald ließ die Ärztin eine kleine Augenklinik in der 20 000 Einwohner-Stadt Tangalle errichten.

Vier bis sechs Mal im Jahr reist Beer nach Sri Lanka, um die Einheimischen kostenlos augenärztlich zu untersuchen. Ihr gesamter Jahresurlaub geht dabei drauf. Gelobt wird sie dafür nur ungern. "Natürlich mache ich dort auch Urlaub. Doch man muß ja nicht 24 Stunden am Strand in der Sonne liegen", versucht Beer ihr Image als selbstlose Helferin sofort herunterzuspielen.

Dafür dürfte sie zur Zeit tatsächlich wenig Muße haben. Zum zweiten Mal muß sie den Bau einer Augenklinik überwachen. Das alte Haus wurde Weihnachten 2004 mitsamt Meßgeräten, Prüftafel, Medikamenten, Brillen und Möbeln von der Welle mitgerissen.

Die neue Augenklinik ist bereits im Bau. Die Wände des Neubaus stehen wieder, sind bereits verputzt. "Natürlich läuft nicht immer alles bestens - auch beim zweiten Mal nicht", lacht Beer und berichtet von ihren jüngsten Problemen vor Ort.

"Die Fenster sind gerade falsch eingebaut worden. Sie gehen leider nach außen auf. Das ist zwar landesweit üblich, aber es macht keinen Sinn. Da kann man nämlich die Moskitonetze nicht vernünftig anbringen." Die Handwerker müßten derzeit alles wieder in Ordnung bringen.

Beer ist ohne Zweifel eine Frau der Tat. Auf ihren kleinen Ruhm, den sie zumindest in der Bodenseeregion nicht zuletzt Dank einer professionell guten Pressearbeit ihrer ehrenamtlich tätigen Pressefrau Ingrid Baszenski erlangt hat, ist sie zwar nicht scharf. Dennoch ist sie pragmatisch genug, ihn für ihre Sache zu nutzen. "Wir haben das große Glück, daß uns Pharmafirmen, Brillenhersteller, Optiker, Apotheker, aber auch Kollegen unterstützen. Und wir brauchen weiterhin Hilfe", so ihr Appell.

Und das Geld kommt an. Beer kennt die Menschen, die wirklich Hilfe brauchen. "Es sind meistens diejenigen, die sich nicht bei den offiziellen Stellen gemeldet haben", weiß sie. Sumithlal ist einer von ihnen. Der Vater von drei Kindern zwischen vier und zwölf Jahren hat seine Frau bei der Katastrophe verloren.

Der 38jährige kümmert sich nicht nur um die eigenen Kinder. Er hat auch die Kinder seiner Schwester, die sechs Jahre alte Heshani und ihren 14 Jahre alten Bruder Kalum, bei sich aufgenommen und kümmert sich um Eltern und Schwiegereltern. Sumithlal ist arbeitslos. "Wir wollen ihn mit seinen Schützlingen in unserer neuen Siedlung unterbringen", informiert Beer.

In wenigen Wochen wird die Süddeutsche wieder ins Flugzeug steigen. In ihrem Gepäck wird sie die neuen Gerätschaften für die Augenklinik haben, die dann sicherlich schon bezugsfertig ist. Wie immer werden die ersten Patienten schon vor ihr da sein. Es spricht sich früh rum, wann die Medizinerin aus Deutschland kommen will.

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