Ärzte Zeitung, 24.08.2005

Ein Anästhesist schiebt Kulissen, sitzt an der Kasse und organisiert Tourneen

Dr. Wolfgang Gladrow ist Chef des kleinen Mannheimer Theaters TiG 7

Von Werner Hacker

Theatermacher: Dr. Wolfgang Gladrow, Anästhesist in Ludwigshafen, vor seinem Theater in Mannheim. Foto: Roloff
Superman: Dr. Wolfgang Gladrow in einem Sketch über Potenzmittel. Solche Auftritte sind selten, der Arzt arbeitet lieber hinter den Kulissen. Foto: privat

Er hat Fieber. Auch nach all den vielen Jahren erfolgreicher Theaterarbeit noch packt ihn immer wieder das Premierenfieber. Dabei steht Dr. Wolfgang Gladrow, Anästhesist am St. Marienkrankenhaus in Ludwigshafen, kaum selbst auf den Brettern. Sein Platz ist hinter den Kulissen des kleinen Theaters TiG 7, dessen Chef er ist.

Ehrenamtlich die Finanzen regeln, Kontakte pflegen, das Marketing optimieren, Tourneen organisieren, sich um technische Neuanschaffungen kümmern und manchmal auch Kassen- und Bardienst schieben - es gibt nichts, was er nicht macht. So darf er sich vom Applaus der abendlichen Wochenendvorstellungen stets ein größeres Scheibchen abschneiden.

Ein runder Erfolg waren zuletzt die Aufführungen von "Schiller! The Musical?". Klassiker stehen allerdings eher selten auf dem Programm der Bühne in der Mannheimer Innenstadt. Man gibt viel lieber Newcomern wie Gesine Dankwart ("Täglich Brot") oder Eve Ensler ("The Vagina Monologues") ein Forum.

Im Jahr 1986 begann alles wie bei Adam und Eva. Die Schauspielerin Karin Gültlinger faszinierte ihn und lockte den gerade frisch gebackenen Facharzt für Anästhesie ins Paradies der schillernden Theaterwelt, aus der er sich nicht vertrieben läßt. "Ich hatte eine Vorstellung besucht, und weil anschließend jede Hand gebraucht wurde, packte ich beim Aufräumen spontan mit an. Und schon war ich dabei - zuerst als Bühnentechniker, dann immer häufiger in Verwaltung und Management."

Die Stücke, die das freie Ensemble spielt, haben nicht immer ein Happyend. Im Leben von Gladrow hingegen geht es offensichtlich immer gut aus. "Jene Dame, die mich zum aktiven Theatermenschen werden ließ, ist vor einem Jahr meine Ehefrau geworden", erzählt er und strahlt dabei. "Glück gehabt", sagt Gladrow, "aber ich habe immer für mein Glück gearbeitet!"

Der nun 59jährige wurde in Hof in Franken geboren, wuchs jedoch in Mannheim auf. Hier zog ihn das Nationaltheater magisch an. "Schon als Schüler hatte ich für jede Spielzeit ein Abo für die Schillerbühne. Damals gab es im nahen Heidelberg, wo ich Medizin studierte, viele freie Theatergruppen. Ihre Inszenierungen habe ich ebenfalls gerne gesehen."

Diese Leidenschaft loderte auch nach Gladrows Berufsstart weiter. "So war es nur eine Frage der Zeit, wann ich der Verführung erlegen würde, selbst Theater zu machen. Heute ist das ein bedeutender Teil meiner Biographie. Zwei bis drei Stunden meines täglichen Lebens gehören heute dem TiG - und fast jedes Wochenende." Außerhalb von Mannheim klingt TiG 7 wie ein Rätsel. Gladrow klärt auf: "Der Name des Theaters rührt daher, daß die Mannheimer City in Quadrate aufgeteilt ist, die alphabetisch gegliedert sind." Das T steht für Theaterhaus.

Eine besonders enge und fruchtbare Kooperation gibt es mit den Verantwortlichen des Nationaltheaters. "Wir sind ein ideales Sprungbrett für Nachwuchstalente. So ist schon etlichen Schauspielern, die bei uns erste Erfahrungen gesammelt haben, der Wechsel zu einer großen Bühne gelungen."

Kritiker der Lokalpresse bescheinigen ihm, daß er das freie Theater professionalisiert hat. Gladrow baute Strukturen auf, die unbedingt notwendig sind, um ein kleines Ensemble aus lauter Enthusiasten in die Zukunft zu führen.

"Unsere Akteure arbeiten allesamt ohne Gage. Die Vorstellungen sind oft ausverkauft. Trotzdem ist es notwendig, daß wir uns Gedanken machen, wie wir als Theaterbetrieb überleben können. Daher muß ich den Regisseuren immer wieder die unbequeme Frage stellen: Was kostet die Produktion? Und dann überlegen wir gemeinsam, wie wir ein ausgewähltes Stück so umsetzen können, daß es auch in unseren Rahmen paßt. Das gelingt uns eigentlich jedes Mal aufs Neue!"

Außer dem Macher Gladrow soll es es auch noch den Autor Gladrow geben. Ja, er schreibe sich Sketche auf den Leib, gibt der Arzt zu. Dennoch ist Gladrow vor allem im Büro des TIG 7 anzutreffen, das schon länger einen hauptamtlichen Geschäftsführer beschäftigt. "Es ist die Ausnahme von der Regel, wenn ich selbst spiele oder singe. Ein lustiger Erfolg war zum Beispiel mein kurzer Auftritt, mit dem das Thema Potenzmittel glossiert wurde. Da knöpfte ich Viagra-gestärkt meinen Arztkittel auf und zeigte mich im Superman-Kostüm." Er intonierte dabei mit seiner Begleitband den Rock-Klassiker "Ich bin ein Mann" von Ted Herold.

Gladrow hat das Gleichgewicht zwischen einer hauptberuflichen und einer außerberuflichen Tätigkeit gesucht - und offenbar auch gefunden. "In jeder meiner beiden Welten geht es mir richtig gut. Auch mit zunehmenden Alter denke ich überhaupt nicht daran, als Arzt kürzer zu treten, um mich noch mehr der Theaterarbeit widmen zu können. So wie es jetzt ist, halte ich es für geradezu ideal. Mir macht es Spaß, Abläufe zu organisieren, sowohl in der Klinik als auch am Theater. An beiden Schauplätzen - so unterschiedlich sie auch sind - stellt mich ein komplizierter Organismus vor die Herausforderung, mögliche Komplikationen zu vermeiden. Die Aufgaben als Facharzt und Theatermann füllen mich aus. Hinzu kommen noch Reisen, das Hobby Fotografie und die Liebe zur Musik." Eine Auszeit vom Theater nimmt sich der Vorsitzende des Vereins, der das TiG trägt, nur im Herbst, wenn das überregional bekannte traditionelle Filmfestival in Mannheimer und Heidelberger Kinos einzieht.

Besonders begeistert ist Gladrow, daß der gegenseitige Austausch mit Theaterleuten in den USA so glänzend funktioniert. "Schon 1997 zeigten wir zwei Inszenierungen in Yale. Und die Amerikaner waren auch schon einige Male unsere Gäste. Diese inspirierende Zusammenarbeit bei Festivals wird natürlich mit Begeisterung fortgesetzt und ist immer ein Höhepunkt der laufenden Spielzeit."

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