Ärzte Zeitung, 31.08.2005

Auf zweistöckigen Holzregalen liegen hustende Gestalten

Bremerhaven, einst größter deutscher Emigrantenhafen, lockt Besucher mit dem neuen "Auswandererhaus"

Von Eckhard Stengel

Männer, Frauen und Kinder stehen neben einer bedrohlich aufragenden Schiffswand, die sich leicht auf und ab bewegt. Das Wasser plätschert, die Gangway quietscht, im Hintergrund ertönt eine Schiffssirene. So ungefähr sah es 1888 am Bremerhavener Auswandererkai aus. Neuerdings kann man sich in die alte Zeit zurückversetzen: im nach Angaben der Betreiber größten Erlebnismuseum Europas zum Thema Emigration, dem "Deutschen Auswandererhaus" in Bremerhaven, das erst vor wenigen Wochen eröffnet worden ist.

Eine Besucherin des Auswandererhauses stöbert in der "Galerie der 7 Millionen", wo die Namen von Auswanderern lagern. Fotos: dpa

"Das ist ein Herzstück der Ausstellung, die komplette Illusion", sagt Museumsdirektorin Sabine Süß zu der lebensecht nachgestellten Szene am Kai. Wer die Gangway des imitierten Amerika-Dampfers betritt, landet in einem Gang, auf dem man ebenfalls zu schwanken glaubt. In Wirklichkeit ist lediglich der Fußboden mit zwei Grad Schräglage montiert worden, was den Gleichgewichtssinn der Besucher irritiert.

Im Massenlager dient ein Holzeimer als Toilette

An dem Gang reihen sich Passagier-Unterkünfte aus drei Schiffsgenerationen aneinander. Am eindrucksvollsten ist das fensterlose Massenlager im Zwischendeck eines Segelschiffes um 1850. Die Luft ist stickig; auf zweistöckigen Holzregalen lagern hustende Gestalten; als Toilette dient ein Holzeimer. Was man nicht alles machen kann mit lebensgroßen Puppen, auf alt getrimmten Requisiten und Geräuschen vom Lautsprecher!

In späteren Zeiten ging es menschenwürdiger zu, wie ein Blick in Dampferkabinen von 1887 und 1929 zeigt. Wer im Waschraum des Schnelldampfers "Lahn" am Wasserhahn dreht, aktiviert damit einen Bildschirm im Waschbecken. Er zeigt Auswanderer bei der Morgentoilette.

Auch architektonisch auffallend: Das Deutsche Auswandererhaus ist Anfang August offiziell eröffnet worden.

Mit Segelschiffen dauerte die Überfahrt in die USA Wochen, mit Dampfern nur Tage. "Jetzt kommen wir an", sagt Museumsleiterin Süß und betritt einen Raum mit großen Käfigen: Ellis Island, die Aufnahmestation der USA. "Für viele war das eine schockierende Erfahrung", so Süß. Wer die ärztliche Untersuchung und intensiven Verhöre ("Sind Sie Polygamist?") nicht bestand, mußte zurück. In der Ausstellung können sich Besucher selbst den Testfragen stellen - an einem Computer, der bei falschen oder zu langsamen Antworten befindet: "Abgewiesen".

Warum das Museum gerade in Bremerhaven steht? Weil die Stadt an der Wesermündung einst der größte Auswandererhafen Deutschlands war. Zwischen 1830 und 1974 emigrierten von hier aus über sieben Millionen Menschen nach Nord- oder Südamerika und Australien. Bei 3000 von ihnen konnte das Museum die Namen und Ausreisedaten ermitteln. Notiert sind sie auf Schubfächern, die man aus einer langen Regalwand herausziehen kann.

Vor dem Auswandererhaus in Bremerhaven liegen im Neuen Hafen historische Segelschiffe vor Anker.

Bei 15 Emigranten ließ sich die Lebensgeschichte noch genauer rekonstruieren. Mit einer Chipkarte lassen sich an "Hörstationen" Infos über ihr Schicksal abrufen. So erfährt man, wie vielfältig die Auswanderer-Motive waren. Viele wollten Hunger und Armut entkommen, manche suchten Abenteuer, andere wurden politisch oder religiös unterdrückt, Juden flohen vor Pogromen im zaristischen Rußland oder vor den Nazis.

Jährlich werden etwa 170 000 Besucher erwartet

Das Museum hofft, daß bis zu zehn Prozent der erwarteten 170 000 Besucher pro Jahr aus den USA anreisen, um auf Ahnensuche zu gehen. Vor allem für sie stehen Computer mit Auswanderer-Datenbanken bereit. Das Land Bremen und die Stadt Bremerhaven haben gemeinsam gut 20 Millionen Euro in das neue Haus investiert.

Den Betrieb finanziert eine Privatfirma als Pächterin und Betreiberin. Deren Mitinhaber Andreas Heller ist auch der Architekt des Gebäudes, eines ovalen Betonsockels mit angedeuteten Segeln und einem schachtelförmigen Holzaufsatz. Innenminister Otto Schily sprach bei der Eröffnungsfeier von einer "grandiosen architektonischen Inszenierung".

Deutsches Auswandererhaus, Columbusstraße 65, 27568 Bremerhaven, Telefon 04 71 / 902 20-0; Infos im Internet: www.dah-bremerhaven.de; Eintritt: 8,50 Euro (Kinder: 6 Euro, Familien: 22 Euro). Touristen-Infos gibt‘s telefonisch, 04 71 / 946 46-10, oder im Internet unter www.bremerhaven-tourism.de

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