Ärzte Zeitung, 28.09.2005

Samuel Johnson genoß es, sich mit Ärzten zu umgeben

Vor 250 Jahren erschien das "Dictionary of the English Language" / Der britische Essayist litt am Tourette-Syndrom

Von Ronald D. Gerste

 
Stark kurzsichtig und mit Neigung zur Depression: Samuel Johnson (1709 bis 1784), Verfasser des ersten lexikalischen Wörterbuchs. Abbildung: Kövesdi  
 

Vor 250 Jahren erschien mit dem "Dictionary of the English Language" das erste umfassende lexikalische Wörterbuch, ein Meilenstein europäischer Kulturgeschichte. Sein Autor, Dr. Samuel Johnson, fasziniert seither nicht nur Anglisten, sondern auch Ärzte: Mehr als 80 Mediziner haben seither zu Johnsons vielschichtiger Pathobiographie und seiner Beziehung zur Heilkunde publiziert.

Samuel Johnson war für die Menschen im Britannien des 18. Jahrhunderts eine Kultfigur. Der vielbelesene Mann brillierte als Essayist und Dichter. Sein Meisterwerk jedoch war das 1755 erschienene "Dictionary of the English Language". Es enthielt etwa 40 000 Stichworte, die Johnson selbst zusammengetragen und oft ironisch-tiefsinnig definiert hatte.

Es war dem Autor vergönnt, zu Lebzeiten fünf Auflagen in Londoner Buchhandlungen, Bibliotheken und literarischen Salons ausliegen zu sehen. Die Verehrung der Zeitgenossen war groß; zu Johnsons Ansehen trug nicht nur sein Scharfsinn, sondern seine oft exzentrischen Auftritte bei - Ähnlichkeiten zum "RR" unserer Tage sind rein zufällig.

Seine manchmal sprunghaften Bewegungen, seine Neigungen, plötzlich und unvermittelt merkwürdige Phrasen auszurufen, galten den Zeitgenossen als Zeichen des in England so geschätzten Spleens. Daß er an einem neurologischen Leiden litt, das wir heute als Tourette-Syndrom bezeichnen, ahnten wohl nur wenige.

Johnsons beeindruckendes Lebenswerk nötigt besonderen Respekt ab, da er selbst seine irdische Existenz als Abfolge der unterschiedlichsten Leiden ansah. 1709 als Sohn eines wohlhabenden Buchhändlers in Lichfield geboren, zog er sich bereits als Säugling die "Scrofulosa" zu, die eine Reaktion auf Tuberkel im modernen Sinne, aber auch eine andere zu lebenslangen Narben im Gesicht führende Erkrankung gewesen sein kann, möglicherweise sogar die damals grassierenden "Schwarzen Blattern", die Pocken.

Johnson schildert sich später rückblickend als fast blindes Kind. Wegen seiner Sehbehinderung wurde er erst mit acht Jahren eingeschult und war für die Bewältigung des 150 Meter langen Schulweges auf die Hilfe eines Dieners angewiesen. Der schlechte Fernvisus, wahrscheinlich Folge einer "scrofulösen" Keratitis, ließ ihn Zuflucht zu Büchern suchen. Kurzsichtig war der Vielleser sein Leben lang.

Das bekannteste Porträt Johnsons, geschaffen von Sir Joshua Reynolds, zeigt ihn, ein Druckerzeugnis auf sehr kurze Distanz vor das Gesicht haltend. Für seine offenbar bis ins hohe Alter erhaltene Fähigkeit der Nahfixation - typisch für hohe Kurzsichtigkeit - spricht nicht nur Reynolds Bild, sondern auch die Beobachtungen der Zeitgenossen, wonach der allseits verehrte Doktor über Perücken verfügte, die an den Seiten Brandspuren aufwiesen.

Johnson hielt nicht nur seine Bücher, sondern auch die einzige damals bekannte künstliche Beleuchtung, die Kerze im zinnernen Halter, zu nah an sein Gesicht. Einige Freunde waren ernstlich besorgt, daß Johnson Verbrennungen erleiden könnte.

Gicht und Asthma machten ihm das Leben schwer, aber auch Affektionen der Seele wie eine rezidivierende Melancholie - wir würde heute eher von Depressionen sprechen -, die er von seinem Vater geerbt zu haben glaubte. Das eigene Krankheitsempfinden trug wesentlich zu seinem Interesse an der Medizin bei.

Er sammelte ein enormes Wissen über die Heilkunst der gegenwärtigen wie der vergangenen Epochen (unter anderen verfaßte er Abhandlungen über große Ärzte wie Boerhaave und Sydenham), welches sich in seinem Dictionary widerspiegelt.

Johnson scheute sich nicht, dem Zeitgeist zu widersprechen, wenn es um die Gesundheit ging. Die weitverbreitete Unsitte des Rauchens sei "a shocking thing". Es sei verwerflich, "Rauch aus unserem Mund in anderer Leute Münder, Augen und Nasen zu blasen und das Gleiche selbst zu erleiden."

Dr. Samuel Johnson, einer der ganz Großen des europäischen Geisteslebens, starb am 13. Dezember 1784 an Herzinsuffizienz. In der Westminster Abbey, der Grabstätte der Könige und Kriegshelden Britanniens fand er seine letzte Ruhestätte.

Trotz seiner vielfältigen Leiden war Johnsons Eindruck von der ärztlichen Kunst (der in seiner Epoche bekanntermaßen recht enge Grenzen gesetzt waren) durchweg positiv. Er zählte viele Ärzte zu seinen Freunden und Korrespondenzpartnern. Sein Biograph James Boswell schreibt, daß es ihm "a peculiar pleasure", ein besonderes Vergnügen, gewesen sei, von Medizinern umgeben zu sein.

Wurde dem Ärztestand in seiner Gegenwart die damals übliche Höhe der Abrechnung vorgehalten, schritt Johnson ein und fragte rhetorisch, welcher herrschaftliche Landsitz - wie ihn Adelige und Unternehmer besaßen - denn je von einem auf ärztlicher Tätigkeit begründeten Vermögen erworben worden sei.

Anwälte hingegen mochte er nach Boswells Beobachtungen überhaupt nicht. Dr. Samuel Johnson muß ein Gentleman in des Wortes eigenster Bedeutung gewesen sein.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Antibiotika gegen Rückenschmerzen

Verursachen Bakterien heftige Bandscheiben-Beschwerden? Für Forschungen zur Behandlung von Rückenschmerzen mit Antibiotika wurde jetzt der Deutschen Schmerzpreis verliehen. mehr »

QuaMaDi wird fortgesetzt

Aufatmen im Norden: KV und Kassen haben sich auf den Fortbestand des Brustkrebsfrüherkennungsprogramm QuaMaDi geeinigt. mehr »

Ethikrat sucht nach dem goldenen Mittelweg

Wann ist eine medizinische Zwangsbehandlung fürsorglicher Schutz, wann ein unangemessener Eingriff? Diesen Fragen widmet sich aktuell der Deutsche Ethikrat. mehr »