Ärzte Zeitung, 27.09.2005

Als die Kranken noch mit der Pferdekutsche transportiert wurden

"Krank - Gesund. 2000 Jahre Gesundheit und Krankheit in Köln": Eine Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum

Gut festgezurrt ist der Patient, damit er bei der Fahrt über Kopfsteinpflaster nicht herunterfällt: ein Krankentransport der städtischen Berufsfeuerwehr um 1900. Fotos. Kölnisches Stadtmuseum

Von Klaus Brath

Ein Schmerzmittel, das die ganze Welt kennt: Aspirin®-Packung von 1934.
Skalpelle aus dem Grab eines römischen Arztes (erstes Jahrtausend vor Christus).

"Stadtluft macht frei" hieß ein mittelalterlicher Rechtsgrundsatz. Heutzutage hört man immer öfter: "Stadtluft macht krank" - man denke nur an Probleme wie Lärm, Schmutz, Smog, räumliche Enge, Ungeziefer, Ansteckungsgefahr...

Wie im städtischen Alltag mit Gesundheit und Krankheit umgegangen wird, wie und wo Stadt und Staat, die Gesellschaft und jeder einzelne sich vor Krankheit zu schützen und im Notfall zu helfen versuchen, zeigt derzeit die Ausstellung "Krank - Gesund" im Kölnischen Stadtmuseum.

Zwei Jubiläen sind Anlaß für die umfangreiche Schau: Vor 200 Jahren schenkte Napoleon den Kölner Bürgern die säkularisierten Klöster St. Cäcilien und St. Michael für die Pflege kranker Zivil- und Militärpersonen - dies gilt, nach einer langen Tradition von auf christlicher Nächstenliebe beruhenden karitativen Einrichtungen, als Geburtsstunde der städtischen Kliniken in Köln.

Und vor 100 Jahren berief Köln als erste deutsche Stadt mit Dr. Peter Krautwig einen Arzt in das Amt des Beigeordneten im Gesundheitsressort der Stadt - Krautwigs Wirken markiert die Entstehung des ersten kommunalen Gesundheitsamtes in Deutschland.

Die Ausstellung widmet sich ausführlich der individuellen und der öffentlichen Gesundheitsfürsorge der vergangenen 200 Jahre bis heute, blickt aber angesichts der traditionsreichen Kölner Medizinhistorie noch viel weiter zurück. Bereits in der Römerzeit praktizierten im vor fast 2000 Jahren gegründeten "Colonia Claudia Ara Agrippinensium" etwa 40 Ärzte, außer Allgemeinmedizinern auch Spezialisten, die in der Stadt eine zahlungskräftige Klientel fanden.

Im Mittelalter sei Köln innerhalb der Grenzen des alten Deutschlands "die Wiege der naturwissenschaftlichen und medizinischen Forschung auf Hochschulniveau" gewesen, schreibt Medizinhistoriker Professor Klaus Bergdolt im informativen Ausstellungsbegleitbuch und führt dies vor allem auf die Ausstrahlung des in Köln lehrenden scholastischen Theologen, Philosophen und Naturforschers Albertus Magnus zurück.

Aus der Kölner Region stammen auch international bekannte Heilmittel: Produkte wie das ursprünglich als Arznei genutzte Kölnisch Wasser, der von der Klosterfrau Maria Clementine Martin produzierte Melissengeist oder das weltweit vertriebene Schmerzmittel Aspirin® stehen für die vielfältige pharmazeutische Geschichte der Region bis heute.

Eine Straßenkehrer-Kolonne um 1900. Hygiene und Sauberkeit waren wichtige Ziele der Behörden geworden.

In der Ausstellung geht es aber nicht nur um medizinische Praxis, Forschung und Pharmazie im Standort Köln und Umgebung, sondern auch um die Geschichte von Krankheiten und Epidemien in der Region. Besonders im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war etwa Lepra in Köln besonders häufig. Zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert wütete auch mehrmals die Pest in der Stadt. Im 19. Jahrhundert gab es mehrere große Cholera-Epidemien. Der erste Aidsfall in Köln wurde 1983 bekannt.

Die auf zwei Etagen mit jeweils etwa 200 Quadratmetern Ausstellungsfläche angelegte Schau zeigt auch, wie sich die Stadt bis heute mit solchen Herausforderungen auseinandersetzt. Auf der unteren Ebene durchläuft der Besucher die städtische Infrastruktur für die Versorgung und die Betreuung von Kranken, oben wird über die öffentliche Gesundheitsfürsorge mit Themen wie Abwasserbeseitigung, Desinfektionswesen, Lebensmittelkontrolle, Impfwesen und Schul- und Vorsorgeuntersuchungen anschaulich informiert.

Wie öffentlich und individuell mit Gesundheit, Hygiene und Krankheit umgegangen worden ist, ist vielschichtig und hat hat sich stetig gewandelt. Entsprechend facettenreich sind auch die von der Kuratorin Gabi Langen zusammengetragenen Exponate.

Das Spektrum reicht von in Kölner Arztgräbern gefundenen Skalpellen über eine Kölner Pestschrift (1514) bis zu aktuellen Präventionsplakaten der Kölner "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung", von einem "Zauberbecher" des Albertus Magnus über einen Toilettenstuhl (um 1880) bis hin zur Nachbildung eines modernen Wartezimmers.

Besonders eindrücklich schärfen einige Großfotos das Bewußtsein für das sich oft rasant verändernde städtische Gesundheitswesen. So zeigt ein Foto, wie noch 1910 der Krankentransport in Köln erfolgte - von der städtischen Feuerwehr, mit der Pferdekutsche.

Die Ausstellung "Krank - Gesund. 2000 Jahre Krankheit und Gesundheit in Köln" ist bis zum 6. November im Kölnischen Stadtmuseum zu sehen. Geöffnet ist mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, dienstags von 10 bis 20 Uhr. Parallel zur Ausstellung findet ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm statt. Weitere Infos unter: www.museenkoeln.de

Begleitband zu Ausstellung: Thomas Deres (Herausgeber.) "krank / gesund - 2000 Jahre Krankheit und Gesundheit in Köln." 352 Seiten, viele Abbildungen. Euro 24,80. ISBN: 3-927396-97-4. Erhältlich im Museum.

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