Ärzte Zeitung, 12.10.2005

"Gewalt gegen Immigranten nimmt zu"

Situation im Auffanglager in der spanischen Enklave Melilla ist chaotisch / Kritik von "Ärzte ohne Grenzen"

Flüchtlinge aus subsaharischen Ländern im Auffanglager in Marokko. Sie waren in die Wüste deportiert worden, "Ärzte ohne Grenzen" hat sie zurückgebracht. Foto: dpa

Von Manuel Meyer

Die Hände wegen der vielen Wunden verbunden: der Kameruner Ahmed im Auffanglager von Melilla. Foto: Manuel Meyer

Müde und abgekämpft sitzt Ahmed im Auffanglager von Melilla. Eine Ärztin vom Roten Kreuz verbindet ihm seine Schnittwunden an der Hand. Zusammen mit 650 anderen Flüchtlingen aus Ländern südlich der Sahara stürmte der 27jährige Kameruner in der vergangenen Woche den sechs Meter hohen Grenzzaun, der Marokko von der in Nordafrika liegenden spanischen Exklave Melilla trennt.

Ihre Hände umwickelten sie mit Kleidungsstücken, damit sie nicht vom Stacheldraht verletzt werden. Viele blieben trotzdem im Draht hängen, brachen sich beim Fall aus sechs Metern Höhe die Beine, wurden von anderen Flüchtlingen überrannt oder erlitten Prellungen von den Gummigeschossen und Schlagstöcken der Polizei.

Das Rote Kreuz habe bereits 1226 Flüchtlinge im Auffanglager behandeln müssen, wo man provisorisch Behandlungszelte aufgebaut hat, erklärt Rote Kreuz-Sprecher Daniel Cordoncillo. "Meistens handelt es sich um Schnittwunden, Prellungen, Knochenbrüche und Verstauchungen", erklärt Cordoncillo. Etwa 150 Ärzte, Sanitäter und freiwillige Helfer des Roten Kreuzes kümmern sich um die Flüchtlinge.

Die Situation im Auffanglager ist trotzdem chaotisch, wenn auch alle Flüchtlinge medizinisch gut versorgt sind. Das Lager am Rande der Stadt, das nur eine Kapazität für etwa 480 Personen hat, platzt mit derzeit 1500 Flüchtlingen aus allen Nähten. An die 300 Flüchtlinge müssen in Zelten untergebracht werden. Das Militärhospital sowie das städtische Krankenhaus sind ebenfalls völlig überfüllt.

Mit Handschellen werden Immigranten aus dem marokkanischen Auffanglager in Bouarfa abtransportiert. Foto: dpa

Aber die Situation ist hier ein "reiner Segen", so Ahmed. Er ist froh, endlich den marokkanischen Pinienwald in der Nähe des Grenzzauns verlassen zu haben. Hunderte Schwarzafrikaner leben hier unter schlimmsten Verhältnissen. "Viele Menschen sind krank, haben starke Erkältungen, da wir auch bei Regen und Kälte im Freien schlafen müssen. Medikamente gibt es keine", erzählt Ahmed.

Hilfsorganisationen können so gut wie nicht eingreifen. Marokko wolle den Flüchtlingen die Situation so unangenehm wie möglich machen, damit sie in ihre Heimatländer zurückkehren, meinen Sprecher verschiedener Menschenrechtsorganisationen. Zu den Mitteln gehören nach dem Bericht von Ahmed auch regelmäßige Razzien, in denen die Flüchtlinge aufgescheucht und verprügelt werden.

Der italienische Arzt Giorgio Talarco von "Ärzte ohne Grenzen" mit Flüchtlingen in der Wüste. Foto: MSF

Ihn selbst haben sie bereits zweimal bis zur 250 Kilometer entfernten Grenze nach Algerien gebracht. "Dort werfen sie dich ohne Wasser einfach aus dem Lastwagen und schlagen dir mit Holzschlägern auf die Knie und Füße, damit du nicht wieder zurücklaufen kannst", erzählt Ahmed.

"Die Gewalt gegen die Immigranten nimmt eindeutig zu", bestätigt auch Javier Garaldón. "Jeder vierte, der bei uns behandelt wird, wurde Opfer schlimmster Gewalt", sagt der Arzt und Chefkoordinator von "Ärzte ohne Grenzen" in Marokko. Die Organisation mußte in den vergangenen zwei Jahren 9350 Menschen an der Grenze zwischen Spanien und Marokko beistehen.

Allen internationalen Protesten zum Trotz deportiert Marokko auch weiterhin Tausende von Flüchtlingen an die Außengrenzen, um sie abzuschieben. "Ärzte ohne Grenzen" hat in der Nacht zum Freitag allein über 500 Schwarzafrikaner gefunden, die in der Wüste zur algerischen Grenze ausgesetzt worden waren.

Die Flüchtlinge wurden in den marokkanischen Wäldern nahe der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla verhaftet und mit Bussen an den Rand der Sahara gebracht, wo jeder nur eine Flasche Wasser und ein Brot erhielt. Unter den Flüchtlingen befinden sich nach Angaben von "Ärzte ohne Grenzen" auch schwangere Frauen, Kranke, Kinder und Verletzte, die in dieser menschenfeindlichen Region nur schwer überleben dürften.

Eine marokkanische Menschenrechtsgruppe hat weitere Flüchtlingsgruppen von über 1500 Personen entdeckt, die ebenfalls deportiert wurden. Sie konnten sich auf eigene Faust in die Stadt Bouarfa retten. Sieben von ihnen hätten sich auf dem Marsch allerdings Fußverletzungen zugezogen. Eine schwangere Frau sei gestorben.

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