Ärzte Zeitung, 02.12.2005

"Eine Schicht tiefer" - Kunst aus Knochen und Organen

Das Berliner Medizinhistorische Museum zeigt Arbeiten des Künstlers Micha Brendel / Erste Einzelausstellung

Erstmals widmet das Berliner Medizinhistorische Museum einem Künstler eine Einzelausstellung. Erstmals stellt dieser Künstler nicht nur Objekte aus organischem Material von Tieren, sondern Werke aus menschlichen Organen aus. Micha Brendel hat 40 Placenten zu Kunstwerken verarbeitet und zeigt sie nun in der Ausstellung mit dem Titel "Eine Schicht tiefer".

"Wortschatz" hat der Berliner Künstler Micha Brendel sein 1992 entstandenes "Knochenalphabet" genannt. Fotos:ami

Von Angela Mißlbeck

Micha Brendel vor den "Placenten". Der Künstler stellt im Medizinhistorischen Museum aus.

"Gleich beim ersten Anblick stürzen Micha Brendels Arbeiten den Betrachter in eine Zuordnungskrise. Ist es Kunst? Oder Wissenschaft?", sagte die Kunsthistorikerin Käthe Wenzel bei der Ausstellungseröffnung "Eine Schicht tiefer" im Berliner Medizinhistorischen Museum.

Knochen liegen - nach Größe und Ähnlichkeit sortiert - in einem mit Samt ausgekleideten Holzkoffer von der Größe eines Billardtischs. Unter Glas in Kästen beherbergt der "Park für den letztlich Liegenden" Zähne, Augen, Gehirne in organischer Ordnung, die ein Plan erläutert. Bis hierher schimmert die Wissenschaft noch durch.

Doch was sollen zehn riesige Augen - von Rindern vielleicht - aufgereiht in einer Röhre, die durch eine alte Bibel getrieben ist? Ein Fischgerippe, nicht ganz fleischlos, in Kunstharz gegossen? Ein als "Elfe" betiteltes durchscheinendes Feuchtpräparat?

"Diese Stücke fügen sich nicht den Erwartungen, die man an ein medizinisches Objekt stellt. Sie sind nicht sachlich adäquat beschildert und in Zurichtung und Komposition anscheinend weniger nach naturwissenschaftlichen als nach ästhetischen Kriterien ausgerichtet. Wissenschaft ist es nicht. Also muß es Kunst sein", schlußfolgert die Kunsthistorikerin stellvertretend für den Betrachter.

55 rohe Eier bilden das organische Material für Brendels 2001 entstandenes Werk "Pyramide des Eies". Eine von 40 konservierten Placenten aus Micha Brendels Serie "Placenten und Planeten".

In der Tat blickt zweifelnd auf die Objekte, wer die dritte Etage des Berliner Medizinhistorischen Museums betritt. Im zweiten Stock können die Besucher wie immer Präparate aus Rudolph Virchows pathologischer Sammlung sehen.

Die konservierten Mißbildungen faszinieren und provozieren zugleich. Sie regen zum Nachdenken an über die vielfältigen Formen des menschlichen Lebens, über Krankheit und Tod. Das vermag auch die wissenschaftliche Etikettierung nicht zu verhindern.

Zehn Sehorgane bilden die Grundlage für Brendels "Predigtröhre (namentlich die Frauenkirche zu Dresden)".

Diese Faszination und Provokation, die organischem Material anhaftet, geht auch von Brendels Objekten aus. Des Künstlers "Rohstoffe" waren einmal belebt. Soviel Leben haftet den Kunstwerken noch an, daß sie zu ähnlichen Betrachtungen bewegen wie Virchows wissenschaftliche Präparate.

"Madonna di Rotella" ist der Titel der Taubenmumie in Polyesterharz mit Elektrorotor.

Seit den 90er Jahren arbeitet der Berliner Künstler mit organischem Material. Das Präparieren hat er sich selbst beigebracht. Bei Spaziergängen sammelte er Tierleichen.

Vom Schlachthof bekam er weiteres Material, darunter auch Häute. Einige davon hat der 46jährige zu einem Haut-Buch verarbeitet hat, das im vergangenen Jahr bei der Frankfurter Buchmesse Aufsehen erregte.

Brendels Kunst wird von manchen als grenzwertig empfunden. Doch der Künstler sagt, er will nicht schocken. "Ich nehme nur, was dem Lebenskreis entschwunden ist." So nun auch die Placenten. Bald wird Brendel selbst Vater. "Wahrscheinlich geht die Beschäftigung mit 40 Placenten nicht spurlos an einem vorbei", meint er schmunzelnd.

"Placenten und Planeten" hat Brendel die Serie aus zehn quadratischen Tafeln mit je vier konservierten und gestalteten Placenten genannt, bei der er nun erstmals menschliche Organe verarbeitet hat.

"Ich arbeite nicht mit menschlichem Material, um noch eins draufzusetzen", sagt Brendel. Ihn fasziniere vielmehr, wofür die Placenta stehe. Einen Lebensspender, der Tod bringen kann, weder zur Mutter noch zum Kind gehörig, sieht Brendel die Placenta "zwischen Tod und Leben".

Die Ausstellung "Eine Schicht tiefer" ist im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité, Schumannstr. 20/21, 10117 Berlin, Tel. 0 30 / 4 50-53 61 22 zu sehen. Geöffnet ist die Exposition dienstags, donnerstags und freitags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs von 10 bis 19 Uhr, samstags und sonntags 10 bis 17 Uhr. Weitere Informationen im Internet unter www.bmm.charite.de

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