Ärzte Zeitung, 10.11.2005

Vom Alltag einer Ärztin in einer französischen Vorstadt

Laurence Dal Cappelos Roman "Laura - Ärztin aus Leidenschaft" gewinnt durch derzeitige Ereignisse an Aktualität

Von Friedrich Hofmann

"Die Gebäude... waren wahre Labyrinthe. Es fehlte oft an Beschriftungen, oder aber sie waren unter den Schildern unlesbar... Die Außenbeleuchtung hatte ihren Geist aufgegeben. Glasabfälle bedeckten den Boden des Eingangs... Die Luft war schwer von Gerüchen - Feuchtigkeit, Küchengerüchen, Tierausdünstungen, kaltem Tabak."

In düsteren Farben wird der Arbeitsbereich einer jungen Allgemeinärztin beschrieben - genau so, wie wir es dieser Tage aus den Medien erfahren: Die "Habitations à loyers modérés", kurz HLM, die heruntergekommenen Plattenbauten am Rande der großen französischen Städte, in denen das Verbrechen, der Drogenhandel und die Hoffnungslosigkeit gedeihen - sie sind ein schwieriges Tätigkeitsfeld für die französischen Ärzte. Und oftmals, insbesondere abends und nachts, trauen sich die Mediziner (sicher aus gutem Grund) gar nicht mehr dorthin.

    Nachts trauen
sich Ärzte
nicht mehr in
die Vorstadt.
   

So geht es auch der jungen Allgemeinärztin in Laurence Dal Cappelos Roman "Laura - Ärztin aus Leidenschaft". Sie hat in diesem Labyrinth eine Familie mit einem Säugling zu betreuen. Am Ende wird sie an der Ignoranz der Eltern, an deren mangelnder Bildung, an der Gewalttätigkeit und nicht zuletzt an der Verwahrlosung der Familie scheitern. Und sie wird mit ansehen müssen, wie das Kind fast zu Tode kommt.

Die 1964 geborene Autorin des Romans "Docteur Laura", die selbst in Nancy Medizin studiert hat, hat bei der Niederschrift der stark autobiographisch gefärbten Geschichte, die sich in Frankreich inzwischen mehr als 100 000 mal verkauft hat, glücklicherweise der Versuchung widerstanden, einfach kommentarlos eine Patientengeschichte an die andere zu reihen.

Stattdessen hat sie sich drei exemplarischen Fällen gewidmet, die sie mit der gebotenen Ausführlichkeit erzählt: Neben der Vorstadt-Ghettogeschichte steht die Erzählung einer Begebenheit aus dem altbürgerlichen Milieu und schließlich ein "Fall" aus ihrer, Lauras, eigener Familie, die die typische französische Mittelschicht heutigen Zuschnitts repräsentiert.

Dabei fühlt man sich als Leser schon auf den ersten Seiten in unser Nachbarland versetzt - sicherlich weil auch die (sozialmedizinischen) Details stimmen - so nicht zuletzt die Angewohnheit der immer korrekten alten Dame, das Arzthonorar schon genau abgezählt auf der Kommode liegen zu haben, wenn "Docteur Laura" zum Hausbesuch erscheint.

Schade nur, daß die deutsche Ausgabe doch etwas zu wünschen übrig läßt. Angefangen bei dem nichtssagenden Titelbild, das eine xbeliebige junge Dame zeigt, bis hin zur teilweise etwas schlampigen und unbeholfenen Übersetzung, der man - mancher mag das allerdings sogar charmant finden - an vielen Stellen sofort die französische Textvorlage ansieht.

Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Ereignisse bleibt "Laura - Ärztin aus Leidenschaft" aber trotz der sprachlichen Mängel ein überaus lesenswertes Buch, das uns hierzulande Frankreich auch aus der Perspektive des Mediziners so nahe bringt, wie es unter Nachbarn eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Laurence Dal Cappelo: Laura - Ärztin aus Leidenschaft. Knaur Verlag. München 2005. Knaur Taschenbuch 62838. 6,95 Euro.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »