Ärzte Zeitung, 05.12.2005

"Die Ruhe, die den Kranken wiederherstellen soll"

Madeira galt lange Zeit als Zufluchtsort für Tuberkulose-Patienten / Der deutsche Arzt Paul Langerhans starb hier

Das "Hospicio da Princesa" in Funchal wurde 1859 von Dona Amelia, der Ehefrau Pedro I. von Brasilien, als Hospiz für Lungenkranke gestiftet. Fotos: pid

Von Heidi Niemann

Auch die österreichische Kaiserin Elisabeth I, genannt "Sissi", suchte Zuflucht auf Madeira. Eine lebensgroße Statue erinnert heute an sie.

Die portugiesische Atlantikinsel Madeira ist wegen ihrer üppigen und vielfältigen Vegetation vor allem als Blumeninsel bekannt. Bereits im 19. Jahrhundert war sie wegen ihres milden Klimas ein beliebtes Reiseziel. Vor allem betuchte, Erholung suchende Briten überwinterten gern auf dem felsigen Eiland 600 Kilometer vor dem afrikanischen Festland.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein war Madeira aber zugleich auch eine Insel der Hoffnung für Kranke und ihre Angehörigen: Hier hofften sie, von ihren schweren Lungenkrankheiten genesen zu können - häufig allerdings vergebens.

Davon zeugt vor allem der britische Friedhof der Inselhauptstadt Funchal. Hier liegen viele Tuberkulose-Patienten aus diversen europäischen Ländern begraben, unter anderem der deutsche Pathologe und Entdecker der nach ihm benannten Langerhansschen Inseln in der Bauchspeicheldrüse, Paul Langerhans (1847-1888).

Wegbereiter der modernen Diabetes-Forschung

Langerhans, der Doktorand bei Rudolf Virchow gewesen war, hatte 1869 in seiner Dissertation verschiedene Zellgruppen in der Bauchspeicheldrüse beschrieben, von denen zwei bis dahin unbekannt waren. Welche Funktion diese von ihm entdeckten Zellen hatten, wußte er damals noch nicht.

Erst Jahre später erkannten andere Forscher, daß die inzwischen als Langerhansschen Inseln bezeichneten Zellgruppen die für die Blutzuckerregulation notwendigen Hormone Insulin und Glukagon bilden.

Die Entdeckung von Langerhans war der Anfang der modernen Diabetes-Forschung. Ein Jahr zuvor hatte er außerdem bis dahin unbekannte Zellen in der obersten Hautschicht beschrieben, die dann den Namen "Langerhans-Zellen" erhielten. Erst vor wenigen Jahrzehnten entschlüsselten Forscher die wichtige Funktion dieser Zellen als "Außenposten" des menschlichen Immunsystems.

Der britische Friedhof auf der Inselhauptstadt Funchal. Hier liegen viele Tuberkulose-Patienten begraben.

Im deutsch-französischen Krieg arbeitete Langerhans als Arzt

Nach dem Abschluß seines Medizinstudiums arbeitete Langerhans unter anderem im deutsch-französischen Krieg als Militärarzt. 1874 bekam er eine außerordentliche Professur in Freiburg, doch im gleichen Jahr fand seine Karriere ein jähes Ende: Bei dem jungen Forscher wurde eine Lungentuberkulose diagnostiziert, mit der er sich möglicherweise bei seiner wissenschaftlichen Arbeit infiziert hatte.

Als auch verschiedene Kuren in Italien, Deutschland und der Schweiz nichts halfen, entfloh Paul Langerhans dem naßkalten Nordeuropa und siedelte 1875 nach Madeira um, wo er auch eine ärztliche Praxis eröffnete. 1885 verfaßte er ein "Handbuch für Madeira", in dem er Inselbesuchern Tips und praktische Ratschläge für ihren Aufenthalt gab.

Der Gedenkstein für Paul Langerhans. Der Arzt starb 1888 auf Madeira.

Außerdem beschäftigte Langerhans sich mit den Meerestieren und Pflanzen an der Küste Madeiras und entdeckte dabei unter anderem eine bis dahin nicht bekannte Wurmart.

In einem seiner Texte über Madeira heißt es: "Und aus fernen Ländern kommen die Fremdlinge her, um in diesem schlafenden Lande die Ruhe zu finden, die den Müden und Kranken wiederherstellen soll." Für den tuberkulosekranken Langerhans gab es jedoch keine Genesung, vielmehr verschlechterte sich seine Gesundheit immer mehr. Nur noch unter der Einwirkung von Morphium ließen sich die Schmerzen ertragen.

Das Grab von Langerhans liegt auf dem britischen Friedhof in Funchal. Der Arzt wurde nur 40 Jahre alt.

1888 starb Paul Langerhans, fünf Tage vor seinem 41. Geburtstag, sechs Jahre nach der Entdeckung des Tuberkulose-Erregers durch Robert Koch. Sein Grab auf dem britischen Friedhof in Funchal wird durch die Deutsche Dermatologische Gesellschaft gepflegt, die zu seinem 100. Todestag eine Gedenkplatte stiftete. Auch die Deutsche Diabetes-Gesellschaft hat ihn mit einer Gedenktafel gewürdigt.

Auf dem Friedhof künden auch viele andere Gräber von dem vergeblichen Kampf gegen die heimtückische Krankheit Tuberkulose. Auf einigen Grabsteinen ist die Todesursache auch direkt benannt.

"Hospicio da Princesa" - ein Hospiz für Lungenkranke

Welche Bedeutung die Insel Madeira als Zufluchtsort für Kranke hatte, ist auch an anderen Orten in Funchal erkennbar. Da gibt es beispielsweise das "Hospicio da Princesa". Dieses Anwesen mit einem hübschen Garten stiftete 1859 Dona Amelia, die zweite Ehefrau von Pedro I. von Brasilien, in Erinnerung an ihre an Tuberkulose gestorbene Tochter als Hospiz für Lungenkranke.

Madeira war auch Zufluchtsstätte für die österreichische Kaiserin Elisabeth (1837-1898), besser bekannt als "Sissi". Die kränkelnde Kaiserin entfloh im November 1860 dem österreichischen Hof und reiste über Antwerpen mit einer Yacht der britischen Königin nach Funchal. Dort bewohnte sie eine Villa mit Blick aufs Meer.

Durch das milde Klima verbesserte sich zwar ihr allgemeiner Gesundheitszustand, doch ihre innere Nervosität und Unrast blieben. Nach einem halben Jahr verließ sie die Insel wieder. Heute erinnert eine lebensgroße Statue an die berühmte, unglückliche Kaiserin.

Auf Wanderungen geraten Touristen leicht ins Straucheln

Heutige Madeira-Besucher kommen meist nicht mehr aus Krankheitsgründen, sondern hauptsächlich wegen der Naturschönheiten und Wandermöglichkeiten.

Nicht selten benötigen Touristen dann aber doch auch medizinische Hilfe auf der Insel. Für nahezu alle Wanderungen, ob entlang der Levadas oder entlang der steilen Berghänge, ist nämlich Trittsicherheit erforderlich. Wer beim Staunen über die atemberaubende Landschaft einmal kurz nicht aufpaßt, kann schnell ins Fallen kommen.

Welche Folgen ein solcher Sturz auf knallharten Felsen haben kann, davon zeugen die Gipsverbände und Krücken, mit denen so manche Touristen den Rückflug antreten.

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