Ärzte Zeitung, 09.12.2005

Myrrhe für die Mumien, Weihrauch für die Götter

Nicht nur als Räucherwerk unentbehrlich, sondern auch als Heilmittel: Myrrhe und Weihrauch als Ingredienzen antiker Rezepturen

Olibanum in granis: Weihrauchstücke, wie sie auch heute noch in Gebrauch sind. Fotos: Stieler-Alegria

Von Gisela Stiehler-Alegria

Nachdem die Weisen aus dem Morgenlande dem Stern von Bethlehem gefolgt waren und die Geburtsstätte des neuen Königs gefunden hatten, fielen sie nieder und "beteten das Kind an und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe" (nach Matthäus 2, 11).

Die Myrrhe wurde im gottesdienstlichen Gebrauch zum Sinnbild der geweihten Gaben für das Jesuskind, der Einsatz von Weihrauch wurde im christlichen Gottesdienst dagegen zunächst wegen dessen Bedeutung in der "heidnischen Götterwelt" abgelehnt.

Die ältesten Nachrichten über Weihrauch (Boswellia sacra) und Myrrhe (Commiphora myrrha) liegen uns aus dem 3. Jahrtausend vor Christus in Form altägyptischer Importlisten vor und vermitteln Informationen über Herkunft, Verbrauchsmenge und Nutzung der Senetscher und Antiu genannten Harze.

Tropfendes Exsudat aus dem angeritzten Ast eines Weihrauchbaums. Im Altertum zählte Weihrauch zu den kostbarsten Drogen überhaupt.

Ein ägyptisches Tempelrelief mit medizinischen Instrumenten, Räucherarm und Becken. Schon die alten Ägypter nutzen Weihrauch zum Räuchern.

Die Ägypter benötigten Olibanum - ein anderer Name für das Gummiharz der Weihrauchbaumarten - nicht nur zum Räuchern, sondern auch zur Parfümherstellung (das ätherische Öl) und in der Medizin, zur Einbalsamierung verwendeten sie Myrrhenharz .

Weihrauch wurde auch in der Bilharziose-Therapie eingesetzt

Wie dem Papyrus Ebers und anderen Medizinalpapyri zu entnehmen ist, gehörten Senetscher und Antiu zu den häufig verordneten Pflanzenprodukten, denn schon früh hatte man die adstringierende und antiseptische Wirkung der beiden Gummiharze aus der Burseracaeen-Familie, die viele harzführende Gattungen umfaßt, erkannt. Fast 200 Rezepturen sind überliefert, ein Viertel davon zum internen Gebrauch.

Eine lange Tradition hat der Weihrauch ferner in der Bilharziose-Therapie. Externa in unterschiedlichen Darreichungsformen (Salben, Suppositorien, Liquida oder pur) dienten der Wundheilung bei Geschwüren oder Verbrennungen, aber auch bei Zahnfleisch- und Augenentzündungen.

Zahnreinigung durch Kauen der Weihrauchkörner

Fumigationen wendete man bei Frauenkrankheiten an, wie sie die Ethnomedizin im Orient noch heute praktiziert. Dazu gehört(e) auch die Verbesserung des Geruchs von Haus, Kleidung und Trinkwasser, die Zahnreinigung durch das Kauen der Weihrauchkörner oder die Verwendung als Deodorant.

Theophrastos von Eresos erwähnt in seiner Pflanzengeographie "Historia plantarum" die in Arabien wild wachsenden Bäume. 400 Jahre später widmete Plinius d.Ä. dem Weihrauch in seiner "Naturalis historiae"(1. XII, 53-66) zwar viele Anekdoten, doch er hatte nur eine vage Vorstellung über das Aussehen der Pflanze und die Gewinnung des kostbaren Exsudats, lateinisch "tus" genannt.

Ein Zeitgenosse von Plinius, der Arzt Dioskurides, hat wiederum viele Indikationen und Rezeptanweisungen hinterlassen. Im 1. Band seiner "Bücher über die Heilkunde" empfiehlt er Olibanum zur Wundbehandlung, gegen Geschwüre, Entzündungen, Warzen und Rheuma, beschreibt die Methoden des Räucherns und der Rußgewinnung. Letzteres dient speziell der Zubereitung für Augensalben.

Zweifellos steht die antiinflammatorische Wirkung bei allen Therapien im Vordergrund. Auch in Indien wurde das Harz des Salai-Baumes Boswellia serrata gegen rheumatische Beschwerden und als Wundsalbe verwendet.

Die Heilkundigen des Mittelalters nahmen gerne Fumigationen vor, um schädliche Miasmen, also krankheitserregende Ausdünstungen, zu vertreiben. Ihre medizinischen Kompendien gründen auf den Schriften antiker Koryphäen wie Dioskurides, die sie mit eigenen Erkenntnissen verbinden.

Mittel gegen Augenjucken und gichterzeugende Säfte

Von phytotherapeutischem Interesse sind die Rezepte des Lorscher Arzneibuchs aus dem 8. Jahrhundert, das Manfred Stoll redigiert hat. Von den vielen Rezepturen mit Olibanum sollen zwei vorgestellt werden:

"Mittel gegen Augenjucken": "Zerstoß Ammoniakgummi, Aloe, Myrrhe und Weihrauchkörner mit scharfem Essig und trage es mit der Feder auf dem juckenden Auge auf. Es lindert den Juckreiz."

"Ein Antidot, Panazee genannt": "das gegen alle Krankheiten hilft und gichterzeugende Säfte austrocknet. Man trinkt es ein Jahr lang, es wird verhindern, daß die Säfte bis zu den Füßen fließen, es wird keine Magenschmerzen und Krankheit zulassen." Es besteht aus 25 Ingredienzien, Weihrauch wird als erste genannt.

Moderne pharmakologische Untersuchungen des Weihrauchs bestätigen, daß viele der auf empirischen Grundlagen basierenden Indikationen der antiken Medizin ihre Berechtigung hatten. Nachdem der Tübinger Pharmakologe Hermann Ammon in vitro nachweisen konnte, daß die Boswelliasäuren des indischen Weihrauchbaumes die Biosynthese von Leukotrienen in der Arachidonsäurekaskade hemmen, wurden diese Ergebnisse unter Henning Gerhardt in einer randomisierten Morbus-Crohn-Studie verifiziert ("Ärzte Zeitung" vom 12. Januar 2000).

Die aus Ostindien stammende Burseracea Boswellia serrata, die aufgrund ihres höheren Säurefraktionsanteils an Acetyl-11-keto-ß-boswelliasäure gegenwärtig pharmazeutische Bedeutung gewinnt, war bereits im Altertum bekannt.

Myrrhe-Wein sollte die Schmerzen Jesu lindern

Öfter als der Weihrauch findet die Myrrhe im Neuen Testament Erwähnung. So reichte man Jesus auf dem Berg Golgatha vor der Kreuzigung einen mit Myrrhe versetzten Wein zur Linderung seiner Schmerzen, was er aber ablehnte (Markus 15, 23).

Im babylonischen Talmud (VII, 179) gibt es die Anmerkung, daß man den Todeskandidaten Weihrauch in einem Becher zu trinken gab, um ihnen das Bewußtsein zu nehmen. Auch dieses Phänomen konnte in neuerer Zeit, und zwar in den 1980er Jahren durch den Leipziger Toxikologen Dieter Martinetz, wissenschaftlich verifiziert werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Pneumonien unter Benzodiazepinen

Benzodiazepine sind bei Patienten, die an Morbus Alzheimer leiden, mit einer Häufung von Lungenentzündungen assoziiert. Für Z-Substanzen gilt das womöglich nicht. mehr »

Psychotherapie bei Borderline nur mäßig erfolgreich

Spezifische Psychotherapien sind bei Borderline-Patienten unterm Strich zwar wirksamer als unspezifische Behandlungen: Allerdings fällt die Bilanz in kontrollierten Studien eher mager aus. mehr »

KBV legt acht Punkte für eine Reformagenda vor

Rechtzeitig vor dem Bundestagswahlkampf und dem Start in eine neue Legislaturperiode hat die KBV ein Programm für eine moderne Gesundheitsversorgung vorgelegt. Was steht drin? mehr »