Ärzte Zeitung, 11.01.2006

"Ich bin einfach jemand, der nicht in ein geläufiges Schema gepreßt werden kann"

Deirdre Bair hat sieben Jahre lang an ihrer knapp 1200 Seiten umfassenden Jung-Biografie gearbeitet. Foto: Knaus

Ein Monumentalwerk, das eine Lücke schließt: Deirdre Bairs Buch über Jung. Foto: Knaus
"Was ich darstelle, ist ein Faktum: Ich bin es": Carl Gustav Jung (1875 bis 1961). Foto: Ronald Schmidt

Die US-Autorin Deirdre Bair legt eine monumentale Biografie über C. G. Jung vor

Die Geschichte der frühen Psychoanalyse ist überreich an absonderlichen, häufig skandalumwitterten Vorkommnissen. Einem ihrer zwiespältigsten Hauptvertreter und Antipoden Freuds - dem Schweizer Carl Gustav Jung (1875-1961) - hat jetzt die bekannte US-Autorin Deirdre Bair eine monumentale Biografie gewidmet.

Ihr in siebenjähriger Arbeit entstandenes Buch besticht vor allem durch die Fülle des eingeflossenen Materials, vieles davon aus bisher unveröffentlichten Quellen, sowie eine außergewöhnliche Detailgenauigkeit bei der Darstellung psychoanalytischer und zeitgeschichtlicher Zusammenhänge.

Daß bis zu dem nun erschienenen Werk von Deirdre Bair keine Biographie Jungs vorlag, die der biographischen Würdigung Sigmund Freuds vergleichbar ist, mag verwundern.

Freud war im öffentlichen Diskurs stets präsenter als Jung

Doch war Freud mit seiner Theorie von der sexuellen Verursachung psychischer Pathologien von je her im öffentlichen Diskurs präsenter als Jung mit seiner Lehre vom kollektiven Unbewußten. Außerdem - und das aufgezeigt zu haben, gehört zu den großen Verdiensten der Arbeit von Deirdre Bair - stellt sich der "Fall Jung" in mehrfacher Hinsicht, besonders in den Folgen psychoanalytischer und politischer Implikationen, weit komplexer dar als der Freuds.

Während Jung in seinen berühmten, kurz vor seinem Tod abgeschlossenen autobiographischen Aufzeichnungen "Erinnerungen, Träume, Gedanken" sich hauptsächlich auf die Wiedergabe sorgsam ausgewählter innerer Reflexionen konzentrierte und alle äußeren Faktoren, selbst wenn diese seine psychische Existenz nachhaltig beeinflußt hatten, außer acht ließ, gelingt Deirdre Bair in ihrem Buch die längst überfällige Entmystifizierung C.G. Jungs, ohne dabei dessen bahnbrechende Erkenntnisse auf dem Gebiet der Erforschung der menschlichen Seele und der Mythen zu beschädigen.

Ein ausführliches Kapitel widmet sie Jungs seltsam verquerer Verstrickung in die nationalsozialistische Ideologie, die seiner Reputation als Analytiker und Wissenschaftler nach dem Zweiten Weltkrieg schweren Schaden zufügte.

In den 1930er und frühen 40er Jahren äußerte Jung wiederholt Sympathien für die Nationalsozialisten und bediente sich selbst einer rassistischen Phraseologie, wenn er etwa für eine Trennung zwischen "christlich-deutschstämmiger und semitischer Psychologie" votierte, andererseits aber darauf beharrte, "daß er nicht die Gültigkeit ‚rassischer Psychologie‘ anerkenne, sondern lediglich eine Psychologie nationaler Identität... verteidige".

Befremdlich wirkt auch, daß Jung im Juli 1939 Präsident der von den Nazis gleichgeschalteten Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie wurde, auch wenn er bereits im September 1940 von diesem Amt wieder zurücktrat.

Und wie soll man Jungs Äußerung in einem Interview mit der "Schweizer Illustrierten" vom 12. August 1942 verstehen, in der er sich als Befürworter einer Expansion Deutschlands nach Osten zu erkennen gibt?

Da waren sie noch Freunde: Sigmund Freud und Carl Gustav Jung (nebeneinander in der Mitte) beim Kongreß für Psychoanalyse 1911 in Weimar. Zwei Jahre später trennten sich die Wege der beiden Psychoanalytiker. Foto: Ronald Schmidt

Selbst aus der Zeit nach dem Krieg zitiert Bair noch Stellungnahmen, die durchaus als antisemitisch verstanden werden konnten, wenn Jung beispielsweise in Bezug auf die vorangegangenen Ereignisse in Deutschland erklärte, "die Juden sind nicht wirklich so verflucht unschuldig". Gleichzeitig jedoch verweist Bair auf Fälle von aus Nazi-Deutschland geflüchteten Juden, denen Jung immer wieder praktische Hilfe leistete.

Extreme Herausforderung privat wie auch öffentlich

In diesem Sinne wird Jungs gesamtes Leben und Wirken, das Deirdre Bair in ihrer hervorragenden Biografie erstmals in seiner ganzen Komplexität auffächert, bestimmt von einem ambivalenten Verhalten angesichts extremer Herausforderungen im privaten wie im öffentlichen Umfeld.

In ihrem Epilog zitiert Bair ein Bekenntnis Jungs über sich selbst, das sie als eine der besten Beschreibungen seiner Persönlichkeit ansieht: "Ich bin einfach jemand, der nicht in ein geläufiges Schema gepreßt werden kann, und das ist die Bedeutung meines Lebens... Was ich darstelle, ist ein Faktum: Ich bin es." Adelbert Reif

Deirdre Bair: C. G. Jung. Eine Biographie. Albrecht Knaus Verlag. München 2005. 1168 Seiten mit 32 Seiten Bildteil. 49,90 Euro.

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