Ärzte Zeitung, 09.12.2005

"Obwohl die Ärzte ihn behandelten, wurde er gesund"

Das Lexikon "Literatur und Medizin" bietet einen fundierten Überblick zu medizinischen Themen in Werken der Weltliteratur

Von Klaus Brath

Literatur und Medizin - eine Kombination, die beziehungslos anmutet und dennoch uralt ist: Schon bei den Naturvölkern, in den Gebeten, Zaubersprüchen und Beschwörungsformeln des Medizinmannes, vereinte sich Dicht- und Heilkunst.

In neuerer Zeit greift zwar der Dichter zur Feder und der Arzt zum Skalpell. Und dennoch ist die Beziehung zwischen Literatur und Medizin bis heute fast unerschöpflich - Gesundheit und Krankheit, Heilung und Tod gehören zu den großen Themen der Weltliteratur.

Das Lexikon bietet Orientierung und Ordnung

Um so dringlicher bedarf es einer Orientierung und Ordnung für die vielschichtige Thematik. Das Lexikon "Literatur und Medizin" füllt hier eine Lücke.

Das Lexikon wird herausgegeben von Dr. phil. Bettina von Jagow, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Philologie der Universität München, und Dr. phil. Florian Steger, Habilitationsstipendiat am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Erlangen.

500-Seiten-Werk umfaßt Artikel von 80 Fachautoren

Mit etwa 200 Artikeln von 80 Fachkollegen aus Literaturwissenschaft und Medizingeschichte bietet das Buch einen fundierten Überblick zu medizinischen Themen in Werken der Literatur. Als "sachlich-systematisches Lexikon", wie die Herausgeber selbst ihr 500-Seiten-Werk inklusive Personen- und Werkregister charakterisieren, haben die Artikel weitgehend einheitlichen Umfang und Aufbau.

    Inhaltlich werden Stichworte von Abtreibung bis Zahn abgehandelt.
   

Zunächst werden die jeweiligen medizinischen Stichworte begriffs- und kulturgeschichtlich dargestellt. Anschließend zeigen die Autoren die Repräsentationen der medizinischen Stichworte in den verschiedenen Literaturgattungen (etwa epische, lyrische und dramatische Dichtungen) auf.

Zeitlich reicht das Spektrum von antiken Autoren wie Homer und Sophokles bis hin zu Zeitgenossen wie Günter Grass und Michel Houellebecq. Regional liegt der Fokus zwar auf der europäischen Literatur; besonders relevante Werke US-amerikanischer Autoren wie Edgar Allan Poe und Ernest Hemingway kommen ebenfalls reichlich zur Sprache.

Inhaltlich spannt sich im Lexikon "Literatur und Medizin" der Bogen von den Stichworten Abtreibung bis Zahn, von Arzt-Patienten-Beziehung bis Zwang.

Naturgemäß unterlag die Auswahl der einbezogenen Stichwörter und Literaturgenres einer gewissen Subjektivität. So findet das derzeit boomende Genre des "medical thriller" kaum Erwähnung, eher noch das Medium Film.

Unter dem Strich bleibt jedoch ein reichhaltiger Fundus, der zum Nachschlagen, Stöbern und Schmökern über ein riesiges und noch kaum erschlossenes Grenzgebiet der Medizin einlädt.

So erfährt der Leser etwa, daß Hermann Hesse in seinem Buch "Unterm Rad" eigenes Depressionserleben gestaltete, daß Franz Kafka in "Ein Hungerkünstler" einen männlichen Anorektiker beschrieb, und lernt auch Dutzende Beispiele positiver und negativer literarischer Arztfiguren kennen.

Als vorbildlich in ihrer Lebensführung und Berufsauffassung kommen in dem Medizin-Literatur-Lexikon demnach viele Landärzte weg (etwa "Doktor Thorne" bei Anthony Trollope). Als programmatisch für das negative Arztbild gilt ein Satz aus Leo Tolstois "Krieg und Frieden": "Obwohl die Ärzte ihn behandelten, wurde er gesund."

Bettina von Jagow und Florian Steger (Hrsg.): Literatur und Medizin. Ein Lexikon. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2005. 498 Seiten. 59 Euro.

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