Ärzte Zeitung, 14.12.2005

Ein belgischer Ophthalmologe entdeckte den Erreger der Flußblindheit

Augenarzt aus Wermelskirchen hat eine Biografie über Dr. Jean Hissette verfaßt und dabei ein einzigartiges Dokument zu Tage gefördert

Wegen der beengten Räumlichkeiten seines Hospitals in Belgisch-Kongo operierte Dr. Jean Hissette lieber auf der Terrasse als im Gebäude selbst. Fotos: Guido Kluxen

Von Ronald D. Gerste

Albert Schweitzer gilt als Mustertyp eines Arztes, der weitab der Zivilisation Menschen medizinisch versorgt. Weniger bekannt, doch für die Geschichte seines Faches, der Augenheilkunde, eminent wichtig ist der belgische Arzt Dr. Jean Hissette. Ein Fachkollege aus dem bergischen Wermelskirchen hat das Leben dieses Entdeckers erforscht und dabei ein verschollen geglaubtes Dokument zu Tage gefördert.

Der Anblick ist auch im modernen Afrika oft anzutreffen: Blinde Menschen, die an einem Stock von Verwandten geführt in die Provinzhauptstadt kommen, oft nach tagelanger Wanderung, um dort einem der wenigen Augenärzte vorgestellt zu werden. Vor nicht allzu langer Zeit lebten Blinde in jedem Dorf in hoher Zahl (selbst heute trifft man in abgelegenen Gemeinden auf bis zu 40 Prozent Sehbehinderte), besonders, wenn das Dorf an einem Fluß lag.

Augenärzten offenbart sich ein fast gespenstischer Anblick

Der typische Befund, den ein Augenarzt festgestellt hätte (wenn ein solcher in der Nähe gewesen wäre): eine meist vollständig eingetrübte Hornhaut. Dabei offenbart sich ihm ein fast gespenstischer Einblick: kleine wurmähnliche Tierchen, sogenannte Mikrofilarien, in der Vorderkammer oder im Glaskörper.

Meist mit Tropenhelm unterwegs: Jean Hissette bei einer Visite in einem Dorf Belgisch-Kongos.

Den Übertragungsmodus entdeckte im Jahr 1930 der im damaligen Belgisch-Kongo wirkende Dr. Jean Hissette: Es sind Larven, Onchocerca volvolus, die von Fliegen übertragen werden und ein langsames Leiden und Erblinden bei Millionen von Menschen auslösen.

Mit Hissettes Pioniertat - der Entdeckung von Erreger und Übertragungsmodus der Flußblindheit - war der erste Schritt getan auf dem auch heute noch nicht gänzlich bewältigten Weg der Behandlung und Prävention.

Auf einem Bauernhof operierte Hissette an Schweineaugen

Diesen Patienten mit okulärer Onchozerkose fotografierte Dr. Jean Hissette Anfang der 1930er Jahre.

Ein weiterer Patient Hissettes. Die bandförmige Hornhautdegeneration entsteht in horizontaler Achse.

Jean Hissette wurde 1885 in Louvain (Löwen) geboren und studierte dort Humanmedizin. Im ersten Weltkrieg diente er, noch als Student, in einer Sanitätseinheit. Nach bestandenem Examen an der Universität Gent ließ er sich zunächst in der Kleinstadt Florenville/Semois en Gaume als Praktiker und Geburtshelfer nieder. Durch die Freundschaft mit mehreren Augenärzten entwickelt er eine Vorliebe für dieses Fach und begann, auf einem Bauernhof an Schweineaugen zu operieren.

Als Vater von fünf Kindern unter chronischer Geldknappheit leidend, nimmt er 1928 ein Angebot der belgischen Kolonialmission an und geht in den Kongo. Seine Frau und die beiden Jüngsten begleiten ihn, die größeren Kinder gehen in Belgien zur Schule. In einem kleinen, provisorischen Hospital behandelt er Patienten und erwirbt sich schnell das Vertrauen der eingeborenen Bevölkerung.

Augenoperationen gehören zu seinem ärztlichen Alltag. Am Sankuru-Fluß sieht er zum ersten Mal Flußblinde. In den folgenden Monaten erforscht er das Wesen dieser Geißel der Menschen und zeichnet unter anderem Aquarelle über die Pathologie der Onchozerkose.

Von 1936 an lebt Hissette mit seiner Familie in Elizabethville (heute: Lubumbashi) in der viele Jahre später von Krisen geschüttelten Provinz Katanga. Sein Ruf als Operateur ist so groß, daß Patienten aus englischen und französischen Kolonien in den abgelegenen Ort kommen.

Hissette, weithin bekannt dafür, bei der Betreuung seiner Patienten keinen Unterschied zwischen Schwarzen und Weißen zu machen, kehrt 1952 nach Belgien zurück, wo der persönlich bescheidene, nie mit seiner Pioniertat an die Medien tretende Arzt 1965 stirbt.

Das Leben und Werk des Jean Hissette beschäftigt Professor Guido Kluxen, Augenarzt in Wermelskirchen, seit vielen Jahren. Bei der Recherche für eine Biographie des Belgiers stieß Kluxen auf Hinweise, daß ein einzigartiges Dokument der Tätigkeit Hissettes existieren könnte, welches aber in der Literatur über die Tropen-Ophthalmologie nie als Quelle genutzt wurde.

Im Jahr 1934 nämlich hatte sich der Professor für Tropenmedizin an der Harvard-Universität, Richard Pearson Strong, mit einem Expeditionsteam aufgemacht, um Hissette im Busch zu besuchen und ihm bei der forschenden wie klinisch-praktischen Tätigkeit zuzuschauen.

Ein Kameramann filmte Hissette bei der Arbeit

Der Ruf des Belgiers war inzwischen über den Atlantik gewandert, man erkannte (eher als in der belgischen Heimat, wo er auf Neider und Ablehnung stieß), daß hier ein großer Humanist und Arzt am Werk war, Albert Schweitzer nicht unähnlich. Im Team von Strong war auch ein Kameramann. Mit Hilfe eines in den USA lebenden ehemaligen Mitarbeiters der Wermelskirchener Praxis Kluxens konnte der Film in der Archivkilometern von Harvard unlängst gefunden werden. Er ist eine medizinhistorische Quelle der Sonderklasse.

Kluxen hat ein höchst lesenswertes Buch über Hissette und die Expedition geschrieben und mit vielen Bildern aus dem Film illustriert. Für seine Hissette-Forschung und die Restaurierung des Filmes erhielt Kluxen kürzlich auf der Tagung der Belgischen Augenärztlichen Gesellschaft den ersten Preis bei den Videodemonstrationen. Das Preisgeld spendete er umgehend seinem Lieblingsprojekt, der Buschklinik Bossangoa in der Zentralafrikanischen Republik.

Guido Kluxen: Dr. Jean Hissette und die Harvard Expedition von 1934. Books On Demand. Norderstedt 2005. 20 Euro. ISBN 3-8334-1963-6. gkluxen@t-online.de

STICHWORT

Onchozerkose (Flußblindheit)

Die Onchozerkose (Flußblindheit) ist eine der häufigsten Ursachen für Erblindung in der sogenannten Dritten Welt und vor allem in West- und Zentralafrika endemisch. Darüber hinaus tritt sie in Teilen Lateinamerikas auf. Als bedroht gelten nach Einschätzung der WHO etwa 120 Millionen Menschen; eine Million leiden unter Sehbehinderungen, die von den Filarien ausgelöst wurden, 270 000 sind erblindet. Als infiziert gelten 17 Millionen Menschen, wobei nicht alle okuläre Symptome er- leiden (die Krankheit führt extra-okulär zu beulenförmigen Veränderungen am Rumpf und an den Extremitäten). Die Zahl der Blinden wäre noch viel höher, wenn nicht seit Jahren eine erfolgreiche Kampagne mit dem Wirkstoff Ivermectin in den betroffenen Regionen vorgenommen würde. (rdg)

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