Ärzte Zeitung, 03.02.2006

"Das ist das Ende - für mich der Beginn des Lebens"

Vor 100 Jahren wurde der Theologe Dietrich Bonhoeffer geboren, den die Nationalsozialisten im KZ ermordeten

HAMBURG (dpa). "Sind wir noch brauchbar?", fragte Dietrich Bon-hoeffer Weihnachten 1942 nach fast zehn Jahren Nazi-Herrschaft und gab keine freundliche Antwort: "Wir sind stumme Zeugen böser Taten geworden, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt."

"Wir sind stumme Zeugen böser Taten geworden, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt."
Pfarrer Dietrich Bonhoeffer
evangelischer Theologe, Widerstandskämpfer und Pazifist, der 29 Tage vor der Kapitulation des Deutschen Reiches, am 9. April 1945, im Konzentrationslager Flossenbürg von den Nationalsozialisten hingerichtet worden ist.

Von Thomas Borchert

Der protestantische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer gehörte zu diesem Zeitpunkt zum Widerstandskreis um den Chef der Auslandsabwehr, General Hans Canaris. Er hatte noch drei Monate in Freiheit vor sich. Am 9. April 1945, kurz vor der deutschen Kapitulation, wird der Theologe und Pazifist im KZ Flossenbürg erhängt.

Bonhoeffers 100. Geburtstag am Samstag (4. Februar) wird in aller Welt und in vielen Bonhoeffer-Schulen und Gemeinden begangen. Die Evangelische Kirche in Deutschland ehrt Bonhoeffer mit einer Vesper im Berliner Dom und einer Gedenkstunde am Denkmal in seiner Geburtsstadt Breslau.

In der Abtei von Westminister in London wird seiner unter einer Statue gedacht, die Bonhoeffer als einen von zehn christlichen Märtyrern des 20. Jahrhunderts zeigt. Neben den Geschwistern Scholl und dem Hitler-Attentäter Graf Schenk von Stauffenberg ist der blonde Theologe zum bekanntesten Symbol für den kleinen Kreis des erfolglosen, aber aufrechten Widerstands gegen die Hitler-Barbarei geworden.

Kein Interesse, daß Straßen nach ihm benannt würden

"Mein Sohn hätte an sich gewiß nicht den Wunsch gehabt, daß Straßen nach ihm benannt werden," schrieb der Vater Karl-Friedrich Bonhoeffer (1868-1948) auf eine Anfrage. Ein halbes Jahrhundert später wäre vielleicht ähnliches über Dietrich Bonhoeffers Verhältnis zu Feierstunden an seinem 100. Geburtstag zu sagen.

Bonhoeffer wuchs mit sieben Geschwistern in einer großbürgerlichen Familie auf. Nach einer ersten Station als Pfarr-Vikar in Barcelona und einem Studienjahr in New York erlebte der als große theologische Begabung geltende Student Hitlers Machtergreifung 1933 als kirchlicher Jugendsekretär sowie Universitäts-Assistent in Berlin.

Er stürzte sich ohne Zögern in den Kirchenkampf gegen jede Form von Anpassung der lutherischen Kirche an die Nazis. Zu seinen Forderungen gehörte auch ein kompromißloses Eintreten für die immer härter verfolgten Juden.

Bonhoeffer wird als Mitstreiter von Martin Niemöller (1892-1984) einer der profiliertesten Köpfe in der Bekennenden Kirche. Von Arbeits-Aufenthalten in Großbritannien und New York kehrte er gegen die Bitten von Freunden nach Deutschland zurück, weil er als einzig möglichen Platz für sich den im eigenen Land und im Widerstand sieht.

Ab 1938 versuchte er mit seinen Widerstands-Aktivitäten mehr und mehr vom kirchlichen Raum aus direkt in den Apparat der Nazis einzudringen. Bonhoeffers Schwager Hans von Dohnanyi (1902-1945), Vater des Politikers Klaus von Dohnanyi (78) und des Dirigenten Christoph von Dohnanyi (77), verschaffte Bonhoeffer unter anderem zur Freistellung vom Kriegsdienst eine Position als V-Mann der vom Widerstand genutzten Auslandsabwehr.

Mit Hans von Dohnanyi zusammen verhaftet

Bei Reisen nach Schweden, Norwegen und in die Schweiz mit fingiertem Auftrag versuchte Bonhoeffer, Kontakte zwischen Widerstand und Alliierten zu knüpfen. Am 5. April 1943 wurde er zusammen mit Hans von Dohnanyi festgenommen. Bis Ende 1944 saß er im Gefängnis Tegel unter relativ erträglichen Bedingungen.

Hier schrieb er unter dem Titel "Widerstand und Ergebung" berühmt gewordene Briefe, Reflexionen und Gedichte. Wer sie genau liest, erhält ein vielfältigeres Bild von der Person des Häftlings, der immer gern als unbeugsame, alle anderen tröstende, nie verzagende und widerspruchsfreie Widerstands-Ikone dargestellt wird.

Erst spät bekannt geworden sind Einzelheiten von Bonhoeffers Liebe zu der 18 Jahre jüngeren Maria von Wedemeyer (1924-1977), mit er sich in der Haft verlobte. Bis zum mißlungenen Attentat am 20. Juli 1944 überwog die Hoffnung auf ein Überleben und die Freiheit. Als Bonhoeffer im KZ Flossenbürg nackt zum Galgen gehen mußte, lautete sein letzter Satz: "Das ist das Ende - für mich der Beginn des Lebens."

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