Ärzte Zeitung, 21.03.2006

Tagungsteilnehmer durften nie "Ostdeutschland" sagen, nur "DDR"

Zwei Ärzte haben die Geschichte der deutschen Phlebologie recherchiert / Wiedervereinigung brachte auch im Fachgebiet neue Erkenntnisse

Von Brigitte Düring

Spannend und faktenreich haben die Dermatologen und Phlebologen Dr. Oswald Petter und Dr. Klaus Holzegel die Geschichte der deutschen Phlebologie der letzten 50 Jahre erarbeitet. Auf den ersten Seiten geben sie einen Überblick über die internationale Phlebologie.

So listet das Namensregister über 300 Ärzte, Dermatologen und Phlebologen, darunter auch bekannte Vertreter des Gebiets aus dem Ausland, auf. Zudem skizziert es die Lebensläufe von etwa 130 dieser Spezialisten aus West und Ost.

Demütigende Reisebeschränkungen

Das Buch zeichnet sich auch durch die erstmals vorgenommene detaillierte Darstellung der Entwicklung der phlebologischen Vereine und Gesellschaften in beiden Teilen Deutschlands und der von ihnen geleisteten Arbeit aus. "Erfreuliches, Trauriges, Ärgerliches und ‚Nerviges‘ fanden Erwähnung", schreiben die Autoren in ihrem Vorwort.

Dazu zählt auch manche traurige oder empörende Anekdote aus der DDR-Zeit, teils mit hochpolitischer Brisanz. So erfährt der Leser von demütigenden Reisebeschränkungen, denen die zu Tagungen in den Westen oder selbst in die "Bruderländer" strebenden Kollegen zu DDR-Zeiten ausgesetzt waren.

Oder von den Ängsten, die bei DDR-Kongressen Tagungsleiter ausstehen mußten, hatten sie doch peinlich genau auf die korrekte Wortwahl ausländischer Gäste zu achten, um deren sofortige Ausweisung zu verhindern. So durfte etwa nur von der DDR und keinesfalls von Ostdeutschland die Rede sein.

Überführung in die "Muttergesellschaft"

Nach zwölfjährigem Bestehen wurde die Sektion Phlebologie in der Dermatologischen Gesellschaft der DDR, die zuletzt 220 Mitglieder hatte, nach der Wende "behutsam und gradlinig von ihrem Vorsitzenden nach dem Votum der Mitgliederversammlung in die deutsche ‚Muttergesellschaft‘ geführt", berichten Petter und Holzegel.

Damit ging auch ein vierzigjähriges "chronisch-phlebologisches Mangelsyndrom" zu Ende. Gleichzeitig würdigen die Autoren jedoch besonders Fleiß und Enthusiasmus sowie beachtliche Arbeits- und Forschungsergebnisse der ostdeutschen Phlebologen.

Ein erstes gesamtdeutsches Gefäßseminar im Juni 1990 stand unter dem Motto "Gefäße - Grenzenlos". Es zeigte sich, daß auf beiden Seiten Themenkreise behandelt worden waren, die im anderen Teil Deutschlands nicht oder zu wenig bekannt waren, und daß ein großes Bedürfnis nach ungehindertem Erfahrungsaustausch vorhanden war. In Teilen ist das Buch also weit mehr als phlebologische Geschichte!

Beide Autoren waren als niedergelassene Ärzte tätig. Petter profilierte die Sektion Phlebologie in der Dermatologischen Gesellschaft der DDR nach ihrer Gründung 1978. Holzegel, Leitender Arzt der Hautabteilung der Betriebspoliklinik Wolfen, verließ 1976 die DDR, eröffnete in Niedersachsen eine eigene Praxis und betätigte sich engagiert im Berufsverband der deutschen Dermatologen. Nach der Wiedervereinigung kehrte er nach Dessau zurück.

Oswald Petter und Klaus Holzegel: Zur Geschichte der deutschen Phlebologie. 372 Seiten. Viele Abbildungen. 24,90 Euro. ISBN 3-00-016562-2.

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