Ärzte Zeitung, 18.04.2006

"Wir lassen zu, daß das Elend noch zunimmt"

Henning Mankell erzählt in seinem neuen Roman "Kennedys Hirn" über skrupellose Menschenversuche in Afrika

Schrieb seinen neuen Roman nach eigener Aussage im Zorn: der schwedische Schriftsteller Henning Mankell. Foto: ddp
"Ein Roman kann auf Seite 212 oder 397 enden, doch die Wirklichkeit geht unvermindert weiter": Mankell im Nachwort.

Als Henning Mankells jüngster Roman "Kennedys Hirn" kürzlich auf Deutsch erschien, sprang er auf Anhieb auf Platz 6 der "Spiegel"-Bestsellerliste. Es ist ein Roman, den Mankell im Angesicht einer humanitären Katastrophe nach eigenem Eingeständnis "im Zorn" geschrieben hat.

Schwedens meistgelesener Autor, dessen Bücher bereits in 36 Sprachen übersetzt in mehr als 100 Ländern erscheinen, wählte ein Themenkonglomerat, das ihn seit langem aufwühlt: Aids, Armut, Afrika.

Seine Erzählung handelt von der 54jährigen Archäologin Louise Cantor, die einer gigantischen Lüge nachspürt. Eine Fiktion. Doch der Autor spielt mit den Grenzen zur Wirklichkeit.

"Ein Roman kann auf Seite 212 oder 397 enden, doch die Wirklichkeit geht unvermindert weiter", meint Mankell im Nachwort, um noch eins drauf zu setzen: "Es ist ein Roman, eine Fiktion. Doch eine Grenze zwischen dem, was wirklich geschah, und dem, was hätte geschehen können, ist oft nahezu nicht-existent."

Inspiration fand Mankell vor Ort. Seine Protagonistin bewegt sich auf den Spuren des toten Sohnes in den Welten des Autors: Europa und Afrika, Schweden und Mosambik, wo Mankell selbst die Hälfte des Jahres lebt und Maputos Theater "Teatro Avenida" leitet.

Auf einer Reise in die schwedische Heimat findet Louise ihren einzigen Sohn Henrik tot in seinem Bett vor. Obwohl alles auf einen Suizid deutet, glaubt Louise nicht daran. In Henriks Wohnung findet sie Dokumente zu der Frage, warum das Hirn des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy nach der Obduktion spurlos verschwunden ist.

Die kühle Archäologin, die aus der leidenschaftlichen Suche nach Spuren der Vergangenheit Beruf und Lebenswerk gemacht hat, vermutet dunkle Hintergründe. Gemeinsam mit ihrem Ex-Mann Aron rekonstruiert sie Henriks letzte Tage. Über Spanien führt die Spur nach Mosambik - in ein Asyl für Aids-Kranke, das ein angeblich selbstloser reicher Amerikaner bei dem Küstenort Xai-Xai leitet.

Schon bald wird ihr klar, daß Henrik einem humanitären Skandal nachspürte, der auch für sie lebensbedrohlich wird. Vor dem Hintergrund der Aids-Epidemie geht es um infiziertes Blut und menschenverachtende Impfstoff-Tests in geheimen Labors, aber auch um Doppelexistenzen, zynische Diplomaten, Drogenschmuggel und menschliche Abgründe.

Louise stößt auf profitgierige, skrupellose Geschäftemacher, die aus dem Elend der Armen Kapital schlagen wollen. Aber auch auf Menschen wie Henriks Freundin, die Prostituierte Lucinda. Schonungslos hält sie der begüterten Europäerin Louise vor: "Sie meinen, unsere eigene Schwäche sei dafür verantwortlich, daß das Elend des Kontinents so groß ist. Genau wie die meisten anderen glauben Sie, daß es das Wichtigste ist zu wissen, wie wir sterben. Wie wir leben, darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern."

Seine eigene Empörung legt Mankell einem Professor mit den Worten in den Mund: "Zu keinem Zeitpunkt haben wir so große Ressourcen zur Verfügung gehabt, um für immer mehr Menschen eine erträgliche Welt zu schaffen. Statt dessen beleidigen wir unser ganzes Bewußtsein, unsere intellektuelle Kraft, unsere materiellen Möglichkeiten, indem wir zulassen, daß das furchtbare Elend noch zunimmt." (dpa)

Henning Mankell: Kennedys Hirn. Paul Zsolnay Verlag. Wien 2006. 399 Seiten. 24,90 Euro. ISBN 3-552-05347-6

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